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Vertrauensurlaub: Urlaubsmodell der Zukunft?

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Vertrauensurlaub

Der Begriff Vertrauensurlaub erinnert an den der Vertrauensarbeitszeit – und auch das Prinzip, das dahinter steckt, ist ähnlich. In diesem Blogbeitrag lesen Sie, was den Urlaub auf Vertrauensbasis auszeichnet und ob es ein Urlaubsmodell der Zukunft sein könnte. Denn: Arbeitnehmer werden immer anspruchsvoller, gerade im Hinblick auf die Ausgestaltung der Arbeitszeit. Hat der Vertrauensurlaub das Potenzial, die Arbeitswelt zu revolutionieren?

    Was sagt das Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) zu Urlaub in Deutschland?

    Arbeitszeit und Urlaubsanspruch sind in Deutschland gesetzlich geregelt – zumindest, was die Mindestanzahl der Urlaubstage angeht. In § 3 setzt das Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) fest, dass Beschäftigte mit einer 6-Tage-Woche Anspruch auf 24 Tage Urlaub haben. Arbeitnehmer, die fünf Tage pro Woche arbeiten, haben einen Urlaubsanspruch auf mindestens 20 Tage Urlaub im Jahr.

    Unternehmen ist es dabei freigestellt, wie viel Urlaubstage sie ihren Beschäftigten geben möchten – solange die Mindestanzahl der gesetzlich festgelegten Urlaubstage nicht unterschritten wird.

    Interessanter Aspekt: In aller Regel sehen Tarifverträge deutlich mehr Urlaub vor als der gesetzliche Mindestanspruch.

     

    In der Publikation Qualität der Arbeit, die das Statistische Bundesamt im Jahr 2017 veröffentlichte, sprechen die Zahlen für sich. Branchenbedingt gibt es in Deutschland Unterschiede von bis zu sechs Urlaubstagen:

    • 24 Tage: Nur vier Urlaubstage mehr als der gesetzliche Mindestanspruch haben Beschäftigte in der Land- und Forstwirtschaft.
    • 25 Tage: Das Gastgewerbe lag mit nur einem Tag mehr geringfügig darüber.
    • 28 Tage: Der durchschnittliche, branchenübergreifende Urlaubsanspruch in Deutschland liegt bei 28 Tagen.
    • 30 Tage: Bergbau, Energie- und Wasserversorgung und Finanz- und Versicherungsdienstleistungen waren mit 30 Tagen Spitzenreiter in puncto Urlaub.

    Doch nicht alle Unternehmen legen sich auf eine feste Anzahl von Urlaubstagen fest. Ähnlich wie bei der Vertrauensarbeitszeit setzt der Vertrauensurlaub auf viel Freiraum und wenige Beschränkungen.

    Was zeichnet nun den Vertrauensurlaub aus?

    Das Urlaubsmodell des Vertrauensurlaubs hat seinen Ursprung in jungen, hippen Unternehmen mit Start-up-Kultur. Vorreiter des „Nimm Urlaub, so viel du willst“-Modells ist der US-amerikanische Serien-Gigant Netflix. Und auch hierzulande erfreut sich der Vertrauensurlaub immer größerer Beliebtheit. Der Jobplattform Joblift zufolge wurden in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren 335 Stellen ausgeschrieben, in denen der Vertrauensurlaub als Zusatzleistung galt – Tendenz steigend.

    Doch wer schreibt solch unbegrenzten Urlaub überhaupt aus? Oftmals sind es nach wie vor junge Unternehmen mit Start-up-Kultur, die neuen Arbeits(zeit)modellen gegenüber aufgeschlossener sind. Logisch: Wer seinem Team anbietet, den Arbeitsort und die Arbeitszeit flexibel zu gestalten, muss nur noch einen kleinen Schritt weitergehen, um auch den Urlaub auf ein möglichst flexibles Niveau anzuheben.

    Und noch ein weiterer Punkt erklärt, weshalb vor allem Start-ups den Vertrauensurlaub als Corporate Benefit in der Stellenanzeige promoten. Sie sind in aller Regel noch auf der Suche nach fähigen Nachwuchskräften, die jedoch nur rar gesät sind. Wer mit geschicktem Personalmarketing für eine gute Arbeitgebermarke sorgt, erregt die Aufmerksamkeit – genau bei High Potentials der jüngeren Generation, denen Freizeit immer wichtiger zu sein scheint. Doch unwillkürlich stellt sich die Frage, ob es sich beim Urlaub Unlimited um zeitgemäßes Employer Branding oder aber um einen Personalmarketing-Gag handelt?

    Was sind die Vor- und Nachteile von Vertrauensurlaub?

    Die Vorteile von Vertrauensurlaub liegen klar auf der Hand. Denn: Mit Vertrauen geht Wertschätzung einher. Lässt ein Unternehmen die Mitarbeiter selbst festlegen, wie viel bezahlte Urlaubstage sie nehmen, ist das ein deutlicher Vertrauensbeweis. Das steht in direktem Zusammenhang mit einer höheren Motivation der Arbeitnehmer. Wer weiß, dass sein Gegenüber ihm vertraut, wird sich schlussendlich mehr ins Zeug legen, eine gute Arbeitsleistung erbringen und – in den meisten Fällen – das entgegengebrachte Vertrauen nicht ausnutzen.

    Des Weiteren überträgt das Prinzip des Vertrauensurlaubs auch den Arbeitnehmern automatisch mehr Verantwortung. Auch dieser Aspekt kann die Motivation der Beschäftigten vorantreiben. Das muss aber nicht immer der Fall sein. Denn: Nicht jeder verfügt über ausreichend Kompetenz und auch Verantwortungsgefühl, sich Urlaubstage frei nach Gusto einzuteilen.

    Schlussendlich verlagert sich auch der administrative Aufwand weg vom Arbeitgeber hin zu den Beschäftigten. Die Mitarbeiter müssen sich untereinander absprechen, Termine koordinieren und auf eine umfassende Kommunikation setzen. Das kann, aber muss nicht zwangsläufig funktionieren. Nicht zuletzt stellt sich beim Thema Vertrauensurlaub auch die Frage, welche Rolle hier die Führungskräfte einnehmen. Haben Sie nach wie vor das letzte Wort oder kann wirklich jeder Arbeitnehmer frei entscheiden, wann er wie einen oder mehrere Tage Auszeit nimmt?

    Vertrauensurlaub und Bundesurlaubsgesetz: Ist das kombinierbar?

    Beim Thema „Urlaub Unlimited“ müssten Arbeitgeber unbedingt die rechtlichen Rahmenbedingungen im Auge behalten. Nicht jeder Beschäftigte wird seinen Urlaub angemessen nehmen. Und das kann in beide Richtungen ausschlagen: Wie reagieren Unternehmen am besten, wenn ein Mitarbeiter seinen 46. Urlaubstag in diesem Jahr nehmen möchte? Und wie motiviert man all diejenigen, die zu wenig Urlaub nehmen?

    Wichtiger Hinweis: Das Bundesurlaubsgesetzt ist auch beim Vertrauensurlaubsmodell die Basis für den Urlaubsanspruch. Arbeitnehmer müssen ihren Mindestanspruch in jedem Fall wahrnehmen.

     

    Wie unterschiedliche Studien rund um die Vertrauensarbeitszeit bewiesen haben, neigen die Arbeitnehmer in Deutschland eher dazu, mehr zu arbeiten als nötig. Das kann sich auch am Urlaub bemerkbar machen. Mit Sicherheit werden deutlich mehr Beschäftigte „zu wenige“ Urlaubstage einreichen als „zu viele“. Die Gründe dafür sind vielfältig: Während der eine pflichtbewusst seine Arbeit macht und Urlaubstage nicht als notwendig erachtet, hat ein anderer vielleicht Angst, sein Urlaubswunsch könne gegen ihn verwendet werden.

    Hier ist von Arbeitgeberseite aus sehr viel Feingefühl gefragt. Und nicht selten entscheiden sich Start-ups bzw. Unternehmen nach der Einführung des Vertrauensurlaubs auch wieder um. Schlicht und ergreifend, weil das System sich mit dem Betriebsalltag nicht vereinbaren lässt. Auch hier fällt wieder ein rechtlicher Aspekt ins Auge: Wie handhabt man eigentlich Arbeitsunfälle, wenn Urlaubs- und Arbeitszeit quasi fließend ineinander übergehen (und womöglich nicht ausreichend dokumentiert werden)?

    Vertrauensurlaub braucht Rahmenbedingungen – das Fazit

    Die Ausführungen zeigen: Ohne klare Rahmenbedingungen kann der Vertrauensurlaub nicht funktionieren. Zu groß wäre das Risiko für den Arbeitgeber beispielsweise im Falle eines Arbeitsunfalls des Beschäftigten. Doch im nächsten Schritt stellt sich dann die Frage, wie viel Vertrauen beim Vertrauensurlaub noch gewährt wird, wenn es doch eigentlich klare Vorgaben gibt.

    Wer sich dazu entscheidet, das moderne Urlaubskonzept einzuführen, muss sich im Klaren sein, dass die positiven sowie negativen Aspekte gleichermaßen schwer wiegen. Letztlich kommt es auf das Team, die Zusammensetzung und das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter an. Wächst ein Unternehmen und müssen verschiedene Abteilungen kooperieren, ist die Gefahr groß, dass Vertrauensurlaub an seine Grenzen stößt.

    Das heißt aber nicht, dass es in Sachen Urlaub keinen Reformbedarf gibt. Im Gegenteil: Sinnvoll ist es, neben dem „Urlaub, so viel du willst“-Modell auch weitere Alternativen in den Blick zu nehmen. Sabbaticals, unbezahlte Urlaubsoptionen, Zeitkonten und vieles mehr sind zeitgemäße Urlaubsmodelle, die in den meisten Unternehmen einen wesentlichen Schritt in Richtung Flexibilisierung bedeuten. Eine Sache, die immer wichtiger wird.

    Autorin: Johanna Wirsing

    Siegel

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