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Wie Sie Ihrem Team in turbulenten Zeiten Halt geben

Wenn alles wackelt – Budgets, Pläne, Prioritäten, vielleicht sogar der Standort oder die Strategie –, schauen alle dorthin, wo noch etwas steht: zu Ihnen. Ja, auf Sie als Führungskraft in der mittleren Ebene. Kein Vorstand, keine Visionärin, kein „Chief-Anything“ – sondern auf den Menschen, der greifbar ist. Der die Gesichter kennt. Der morgens mit den anderen im Aufzug fährt.

Guido Bonau

28.08.2025 · 5 Min Lesezeit

Und genau da beginnt das Dilemma: Sie sollen Sicherheit geben, obwohl Ihnen im Gegenzug keiner Halt gibt. Orientierung stiften, obwohl die Richtung ständig wechselt. Und Motivation aufrechterhalten, obwohl Sie nicht einmal versprechen können, dass es den Standort nächstes Jahr noch gibt.

In diesem Artikel bekommen Sie keine Ratschläge wie „kommunizieren Sie offen“ oder „bleiben Sie positiv“. Sie erfahren stattdessen, wie Sie Ihren Mitarbeitenden inmitten von Change-Chaos, Projektlawinen und Führungsnebel echten Halt bieten.

Bevor wir einsteigen: Wir sprechen hier nicht von symbolischer Führung oder „Mindset-Arbeit“, sondern von wirksamen Interventionen, die Sie ab morgen früh um 08:00 Uhr anwenden können. Und von Denkfehlern, die fast jede Führungskraft in unsicheren Zeiten mal macht – mit besten Absichten, aber fataler Wirkung.

1. Zeigen Sie Haltung – nicht Meinung

In stürmischen Zeiten glauben viele Führungskräfte, dass sie etwas sagen müssen. Und dann tun sie genau das – sie sagen etwas. Oft zu viel, meist zu früh, vielfach zu unklar. Das Ergebnis: noch mehr Verwirrung. Denn was Ihr Team bei Turbulenzen nicht braucht, sind Spekulationen, vage Einschätzungen oder weichgespülte Durchhalteparolen.

Was wirklich zählt, ist Haltung. Und das bedeutet: Sie beziehen eine klare Position zur Situation, ohne sich zur Glaskugel zu machen. Statt zu sagen „Ich denke, das beruhigt sich wieder“ oder „Ich weiß auch nicht, was da oben geplant wird“, sagen Sie etwa: „Ich kenne den Fahrplan nicht, aber ich garantiere Ihnen, dass ich mit allem, was ich habe, dafür sorge, dass wir handlungsfähig bleiben.“

Haltung ist kein Meinungsäußerungstheater, sondern ein Versprechen an Ihre Mitarbeitenden: Egal wie unklar die Lage da draußen ist – mein Verhalten hier drinnen ist berechenbar. Das schafft Vertrauen. Und Vertrauen wirkt stärker als jede Info.

Warum ist das so wichtig? Weil Unsicherheit vor allem dann Angst macht, wenn niemand weiß, wofür die Führungskraft steht – nicht einmal die Führungskraft selbst.

TIPP

Formulieren Sie drei klare „Wenn-dann-Sätze“, die Ihr Team von Ihnen mit Recht erwarten kann, z. B.:

  1. „Wenn ich Informationen habe, teile ich sie direkt.“
  2. „Wenn ich Entscheidungen nicht selbst treffen kann, erkläre ich, warum.“
  3. „Wenn ich selbst unsicher bin, sage ich es – aber ich lasse Sie nie ohne Handlungsoption zurück.“

Diese Sätze sind Ihr innerer Anker – und das Rettungsseil für Ihr Team. Haltung ersetzt keine Information, aber sie lässt kein Gefühl des Kontrollverlusts aufkommen. Und das ist der wahre Gamechanger in turbulenten Zeiten.

2. Machen Sie das Unaussprechliche besprechbar

Turbulente Zeiten erzeugen nicht nur Unsicherheit, sondern auch ein Klima des Schweigens. Niemand will der Erste sein, der fragt: „Was ist, wenn unser Projekt eingestampft wird?“ Oder: „Gibt es bald Kündigungen?“ Oder noch brisanter: „Warum redet hier eigentlich keiner Tacheles?“

Genau hier kommt Ihre Rolle ins Spiel. Nicht als Kummerkasten oder Gerüchte-Moderator, sondern als jemand, der die Dinge offen anspricht, die unausgesprochen alle beschäftigen. Denn was nicht ausgesprochen werden darf, wird zur Projektionsfläche – und aus Projektionen werden Ängste, aus Ängsten heraus bilden sich Lager, und aus Lagern wird Lähmung.

Das Problem: Viele Führungskräfte glauben, sie dürften heikle Themen nicht ansprechen, wenn sie keine Antworten haben. Falsch. Sie dürfen – und sollten – Dinge ansprechen, auch wenn Sie keine Lösung parat haben. Der Satz „Ich weiß es auch nicht, aber wir können gemeinsam darüber nachdenken, was es für uns bedeutet“ ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Signal von Reife.

Damit verbreiten Sie keinesfalls Panik, es macht den Unterschied zwischen Gerede hinter vorgehaltener Hand und ehrlicher Teamkultur. Denn was besprechbar ist, wird gestaltbar.

TIPP

Führen Sie ein monatliches Meeting ein mit dem Titel „Was keiner zu fragen wagt“. Die Regeln: Es darf alles gefragt werden. Antworten sind optional – aber Zuhören ist Pflicht. Diese Treffen schaffen eine Kultur, in der Unsicheres nicht verdrängt, sondern verarbeitet wird.

Und genau diese emotionale Verarbeitung entscheidet darüber, ob Ihr Team handlungsfähig bleibt – oder innerlich kündigt. Führung bedeutet nicht, alle Antworten zu kennen, sondern die richtigen Fragen zuzulassen – gerade dann, wenn sie unbequem sind.

3. Stabilisieren Sie durch Struktur, nicht durch Kontrolle

Wenn draußen alles schwankt, greifen viele Führungskräfte reflexartig zum Mittel der Wahl: Kontrolle. Mehr Reportings, engere Deadlines, tägliche Stand-ups. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Wenn ich alles im Blick habe, geht wenigstens hier nichts schief. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn Kontrolle vermittelt nicht Sicherheit – sondern Misstrauen.

Was Ihr Team in instabilen Zeiten wirklich braucht, ist Struktur mit Spielraum. Also: klar definierte Rhythmen, transparente Abläufe, stabile Entscheidungswege – ohne mikroskopische Eingriffe in jedes Detail. Struktur bedeutet: Alle wissen, wie der Laden läuft, auch wenn die Welt draußen gerade Achterbahn fährt.

Struktur wirkt wie ein Geländer im Nebel: Man sieht nicht viel – aber man hat etwas zum Festhalten. Ein klarer Wochenrhythmus mit definierten Meetings, Entscheidungsfenstern und Zuständigkeiten gibt dem Team Orientierung. Es geht dabei nicht um starre Regeln, sondern um verlässliche Muster. Und die sind Gold wert, wenn rundherum alles im Fluss ist.

Ein häufiger Fehler: In Veränderungsphasen werden bestehende Routinen „ausgesetzt“, weil man ja „gerade Wichtigeres zu tun hat“. Das ist, als würde man im Sturm das Schiffshandbuch verbrennen, um es leichter zu haben. Fatal.

TIPP

Führen Sie ein wöchentliches „Montags-Check-in“ ein – 20 Minuten, fester Termin, immer gleich aufgebaut:

Was ist diese Woche fix (unverhandelbar)?

Was ist diese Woche flexibel (offen für Anpassung)?

Wo gibt es Klärungsbedarf (Blockaden, Unsicherheiten)?

Das klingt simpel – wirkt aber wie ein mentales Stabilisierungsritual. Ihr Team bekommt so ein verlässliches Raster für Prioritäten und Entscheidungsrahmen – ohne dass Sie alles kontrollieren müssen.

Warum das funktioniert: Der wöchentliche Rhythmus senkt das Chaosgefühl, gibt Struktur und vermittelt: Wir denken gemeinsam voraus – statt ständig hinterherzurennen. Und genau das brauchen Ihre Mitarbeitenden, wenn außen die Drehzahlen steigen.

FAZIT

Turbulente Zeiten stellen nicht Ihre Antworten auf den Prüfstand – sondern Ihre Präsenz. Wenn Sie Entschlossenheit zeigen, das Schweigen brechen und Struktur schaffen, werden Sie nicht zum Helden, sondern zum Halt, was wertvoller ist als jede Vision von oben. Vertrauen Sie darauf: Inmitten des Sturms werden Sie zum Anker. Nicht, weil Sie alles wissen. Sondern, weil Sie der Fels in der Brandung sind, auf den Verlass ist.

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Guido Bonau ist Diplom Ingenieur und war langjährige Führungskraft in verschiedenen Unternehmen. Als selbstständiger Coach nutzt er sein Wissen sowie seine Erfahrungen und hilft Führungskräften, erfolgreicher zu werden. Er ist in […]