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Die (mangelnde) Wertschätzung der Berufsausbildung

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Wertschätzung

Ob Köche, Maler oder im Einzelhandel – viele Branchen haben heutzutage einen Mangel an Auszubildenden zu verzeichnen. Doch warum bleiben so viele Stellen unbesetzt? Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für ein Studium und gegen eine Berufsausbildung. Welche Ursachen dieser Tatsache zugrundeliegen und ob die mangelnde Wertschätzung der Berufsausbildung mit einer gesellschaftlichen Aufwertung des Studiums zusammenhängt, lesen Sie in diesem Artikel.

Zahlen und Fakten: 57.000 unbesetzte Ausbildungsstellen

Seit circa zehn Jahren kristallisiert sich eine klare Tendenz auf dem Ausbildungsmarkt heraus: Immer mehr Schulabgänger bevorzugen ein Studium, statt einen Ausbildungsberuf zu ergreifen. So standen im Wintersemester 2017/2018 mehr als 2,8 Millionen immatrikulierte Studenten lediglich 1,3 Millionen Auszubildenden gegenüber. Über 57.000 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt, wie die Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen.

Sollte sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren noch verstärken, prognostizieren Experten einen gravierenden Mangel von Arbeitnehmern in vielen Ausbildungsberufen. Folgen, die mit dieser Entwicklungstendenz einhergehen könnten, sind:

  • Längere Wartezeit für Kunden von handwerklichen Betrieben
  • Schließen kleinerer Unternehmen aufgrund fehlender Arbeitnehmer
  • Absinken der Qualität der Hochschullehre durch überfüllte Hörsäle
  • Überangebot an Akademikern und eine damit verbundene Arbeitslosigkeit

Diese Konsequenzen zeigen auf, dass es sinnvoll ist, sich kritisch mit dem Thema der mangelnden Wertschätzung der Berufsausbildung auseinanderzusetzen. Die Thematik weißt nicht nur eine hohe Relevanz für Schulabgänger, sondern auch für Unternehmen auf. Insbesondere für die Personalabteilungen, auf die in den kommenden Jahren zahlreiche Herausforderungen zukommen – Stichwort: War for Talents beziehungsweise Fachkräftemangel.

Gründe für die Akademisierung

Beim Betrachten der Zahlen kommt die Frage auf, woraus die große Differenz zwischen Studierenden und Auszubildenden resultiert. Gründe hierfür sind komplex, allerdings spielt die mangelnde Wertschätzung einer Berufsausbildung eine wichtige Rolle.

Soziale Anerkennung

Wer einen Beruf ausübt, strebt damit auch nach Selbstverwirklichung. Der Job sollte den eigenen Interessen entsprechen und Freude bereiten. Doch ein wichtiger Aspekt der Selbstverwirklichung ist es auch, ein positives Selbstkonzept zu generieren. Dieses ist eng damit verbunden, welches gesellschaftliches Ansehen eine berufliche Tätigkeit genießt.

Diese Tatsache ist einer der wichtigsten Gründe, warum eine Ausbildung, die als typisch für Hauptschulabgänger empfunden wird, immer weniger Ansehen genießt. Ein plakatives Beispiel: Die gesellschaftliche Wertschätzung, die ein Müllmann genießt, ist deutlich geringer als die eines Betriebswirtschaftlers. Und das, obwohl ersterer aktiv dazu beiträgt, die Städte sauber zu halten.

Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist jeder einzelne in der Verantwortung, solche Stereotype zu überdenken. Nur wenn ein gemeinschaftliches Umdenken stattfindet, erhalten die beruflichen Ausbildungen wieder mehr Anerkennung.

Ein Mangel: Anerkennung im eigenen Betrieb

Doch viele Auszubildende berichten nicht nur von einer mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung, auch die eigenen Vorgesetzten stehen in der Kritik. Eine im Auftrag von ver.di durchgeführte Studie fand heraus, dass 14 % der weiblichen Azubis auch von Seiten der Betriebsführung Lob und Respekt vermissen.

Somit können auch die Ausbildungsstätten einen Beitrag dazu leisten, das Ansehen der praktischen Berufe zu steigern. Schlicht und ergreifend dadurch, dass sie ihre eigenen Azubis mehr wertschätzen.

Schon ein kurzer Kommentar zur erbrachten Leistung des Auszubildenden kann ein Schritt in die richtige Richtung darstellen. Auch konstruktives Feedback trägt dazu bei, dass die jungen Erwachsenen sich wertgeschätzt fühlen. Ein ausführliches Beurteilungsgespräch mit dem Auszubildenden signalisiert, dass sich die Führungskraft umfänglich mit den Leistungen des Auszubildenden auseinandergesetzt hat und sich die Zeit nimmt, diese zu bewerten.

Finanzielle Vergütung

Eng verbunden mit der generellen Wertschätzung einer Tätigkeit ist auch die finanzielle Vergütung. Sie ist der materielle Maßstab dafür, wie angesehen ein Beruf ist. Oft sehen sich Schulabgänger, die sich für eine Ausbildung beispielsweise als Friseur und Hörgeräteakustiker entscheiden, mit prekären Umständen konfrontiert. Das Gehalt ist so gering, dass ein selbstständiges Leben während der Ausbildungszeit nur schwer zu realisieren ist.

Abhilfe soll ein neuer Gesetzentwurf zur Modernisierung und Stärkung der beruflichen Bildung schaffen. In diesem findet sich der Vorschlag einer Mindestausbildungsvergütung wieder. Wie hoch diese genau ausfallen wird, gilt es noch zu klären. Fest steht aber, dass eine bessere finanzielle Vergütung die Attraktivität einer Ausbildung deutlich steigern würde.

Situation in Ausbildungsbetrieben

Ein weiterer Faktor, der zur zunehmenden Akademisierung beiträgt, ist die Situation in vielen Ausbildungsbetrieben. Der Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds macht deutlich, dass an einigen Stellen umfassender Optimierungsbedarf besteht. Insgesamt 29,8 % der Befragten beurteilen ihre gesamte Ausbildungssituation als kritisch.

Dieses Meinungsbild generiert sich zum einen aus der Unzufriedenheit mit den zu erbringenden Überstunden. Zum anderen tragen ausbildungsfremde Tätigkeiten, die ausgeführt werden müssen, zu der negativen Bilanz bei. Außerdem wussten 56,8 % der Azubis nicht, ob eine Übernahme nach Beendigung der Ausbildung von ihrem Betrieb gewährleistet ist. Dies sorgt für Verunsicherung und möglicherweise auch dafür, dass sich Schulabgänger von Anfang an gegen eine Berufsausbildung entscheiden.

Doch bei all der Kritik sollte man auch die 70,2 % der Befragten nicht aus den Augen lassen, die mit ihrer Berufsausbildung zufrieden sind. Vor allem das Vorhandensein eines Ausbilders, der zur persönlichen Ansprache zur Verfügung steht, scheint ein klarer Vorteil einer Ausbildung zu sein.

Orientierungslosigkeit der Schulabgänger

Als letzten Punkt, der zur Akademisierung beiträgt, könnte man die Orientierungslosigkeit zahlreicher Schulabgänger nennen. Diese ist nicht zwingend selbst verschuldet. Vor allem Gymnasien verweisen im Zuge der Aufklärung über Berufsbildung vor allem auf ein Studium. Doch ein Universitätsabschluss ist nicht die einzige Option, die Abiturienten offensteht.

Viele Betriebe freuen sich über Bewerber, die ein Abitur haben. Teilweise besteht sogar die Option, die Ausbildungszeit aufgrund der bereits erworbenen Qualifikation zu verkürzen. Hier stehen sowohl Verantwortliche in Schulen als auch die Unternehmen in der Verantwortung. Solche Möglichkeiten sollte man den Schülern gegenüber offen kommunizieren. Hierfür eignen sich beispielsweise Messen, auf welchen sich unterschiedliche Ausbildungsberufe und die jeweiligen Aufstiegschancen vorstellen lassen. Nur wer alle Optionen kennt, kann sich schlussendlich auch für die richtige entscheiden.

Herausforderungen und Vorzüge im Vergleich

Bei der Debatte sollte man auch die Unterschiede beachten, die die beiden Berufsbildungswege aufweisen. Ein Studium ist sehr viel theoretischer angelegt als eine Ausbildung. Doch nicht nur im Praxisbezug weisen die beiden Berufsbildungswege Unterschiede auf.

Theoriefokus im Studium

Im Gegensatz zu einer eher praxisorientierten Ausbildung setzt ein Studium an einer Hochschule auf das Vermitteln theoretischer Inhalte. Für junge Erwachsene, die gerne eigene Nachforschungen anstellen und sich in Themen einlesen ist dies optimal. Erlerntes gleich in der Praxis zu erproben, ist in einem Studium allerdings nicht vorgesehen.

Nur selbstorganisierte Praktika erlauben Studierenden einen Einblick in die Berufswelt. Doch auch hier ist Eigeninitiative gefragt. Hochschulen schreiben nicht vor, in welchen Betrieben ein Praktikum durchzuführen ist. Das Suchen eines geeigneten Unternehmens sowie das Schreiben von Bewerbungen zählen zu den Aufgaben, die Studierende übernehmen müssen.

Akademischer Bildungsweg: Später Berufseinstieg

Eine weitere Herausforderung eines Studiums ist der späte Berufseinstieg. Dieser bringt zum einen eine finanzielle Herausforderung mit sich. Studierende sind auf BAföG oder einen Nebenjob angewiesen. Hochschulen befinden sich meist in größeren Städten, in welchen der Wohnungsmarkt sehr angespannt ist.

Junge Erwachsene, die einen Universitätsabschluss anstreben, sehen sich deshalb meist auch mit einem angespannten Wohnungsmarkt konfrontiert. Die hohen Mieten ohne geregeltes Einkommen zu bezahlen, ist für viele Studierende ohne familiäre Unterstützung nicht möglich.

Vorzüge einer beruflichen Ausbildung

Aus den oben genannten Gründen ist ein Studium nicht für jeden Schulabgänger die beste Wahl. Vor allem junge Erwachsene, die gerne praxisbezogen arbeiten, sollten einen Ausbildungsberuf in Betracht ziehen. Das in der Berufsschule erworbene Wissen lässt sich im Ausbildungsbetrieb sofort umsetzen. Somit steigt möglicherweise auch die Motivation für das Lernen, da das Wissen nicht nur für Prüfungen nützlich ist, sondern auch für zeitgleich ausgeführte berufliche Tätigkeiten.

Selbstorganisation: Fluch und Segen zugleich

Zudem empfinden viele Schulabgänger die für ein Studium erforderliche Selbstorganisation als Überforderung. Auch deshalb kann ein Ausbildungsberuf die bessere Wahl sein. Die Berufsschulen geben eine klare Struktur vor, an der sich Auszubildende orientieren können. Der Fokus lässt sich deshalb eher auf die vermittelten Inhalte legen und wird nicht vom organisatorischen Aufwand abgelenkt.

Zudem steht in Form des Ausbilders im Betrieb immer ein Ansprechpartner bereit. Diese persönliche Beziehung fehlt bei einem Studium. Der Ausbilder kann offengebliebene Fragen direkt klären und nützliche Hinweise zum Arbeitsablauf geben. Durch das Lernen am Modell profitieren Auszubildende. Sie können sich an den Handlungen des Ausbilders und anderer Mitarbeiter orientieren. So lernt man berufsrelevante Inhalte nicht nur in der Berufsschule, sondern auch direkt im Umgang mit den Kollegen.

Eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten bei dualer Ausbildung?

Oft findet man das Argument, dass eine berufliche Ausbildung die Aufstiegsmöglichkeiten einschränkt. Doch auch dieses lässt sich entkräften. Nach der Lehre stehen den ehemaligen Azubis viele berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten offen, so zum Beispiel:

  • Meister
  • Fachwirt
  • Betriebswirt
  • Zertifikatslehrgänge

Auch das Erwerben weiterer Zusatzqualifikationen kann den beruflichen Erfolg vorantreiben. Am Ende der Karriereleiter eines Ausbildungsberufs kann außerdem die Selbstständigkeit stehen. Die Aufstiegschancen lassen sich in vielen Berufen mit denen der Hochschulabsolventen vergleichen.

Zusammenfassen lässt sich also festhalten, dass jeder Schulabgänger individuell abwägen sollte, welches Ausbildungssystem für ihn am besten geeignet ist. Ein Studium ist nicht der einzige Schlüssel zum beruflichen Erfolg. Wichtig ist vor allem, dass der angestrebte Beruf die eigenen Interessen widerspiegelt. Denn: Nur so lässt sich die berufliche Ausbildung mit Freude und Motivation bestreiten.

Initiative der Bundesregierung: Ausbildung stärken

Dass Auszubildende für den Erhalt der Wirtschaft essenziell sind, hat auch die Bundesregierung erkannt. Zusammen mit Vertretern der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der Bundesagentur für Arbeit und der Länderkonferenzen im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) besteht ein Bündnis, um Aus- und Weiterbildungen zu stärken.

Das Ziel ist es, die Berufsorientierung in allen Schulformen zu stärken. Durch Praktika und Informationsveranstaltungen sollen Schüler alle nötigen Informationen erhalten, um eine reflektierte Berufswahl zu treffen. Zudem sollen auch die Qualität und Attraktivität der Ausbildungsberufe eine Verbesserung erfahren. Hierzu zählt beispielsweise das Ausbauen von Zusatzangeboten wie Auslandsaufenthalten. Diese zusätzlichen Anreize sollen dazu dienen, mehr Jugendliche von der Vielfältigkeit eines Ausbildungsberufs zu überzeugen.

Als weiterer Kernpunkt steht die Förderung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlingen im Zentrum. Eine berufliche Ausbildung gilt als Schlüsselfaktor für eine gelungene Integration. 170 sogenannte „Willkommenslotsen“ beraten Unternehmen bezüglich der Integration von Geflüchteten in einer Ausbildung. Ziel ist nicht nur die Integration in die Gesellschaft, sondern auch das Entgegenwirken gegen den Fachkräftemangel.

Mit dieser Initiative möchte die Bundesregierung die oben genannten Ursachen der Akademisierung einschränken. Doch die Verantwortung liegt nicht nur bei der Regierung und der Politik im Allgemeinen. Auch Unternehmen und Einzelpersonen können produktiv zu einem Umdenken beitragen. Erst wenn Ausbildungsberufe die Wertschätzung erhalten, die ihnen zusteht, wird ihre Attraktivität auf Dauer gefestigt.

Mehr Wertschätzung für die Berufsausbildung – wie geht das?

Das duale Berufsausbildungssystem, wie es in Deutschland existiert, ist in seiner Ausprägung einzigartig. Dass Ausbildungsberufe in den vergangenen Jahren einen Imageverlust erlitten haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Die genannten Studien haben gezeigt, dass immer mehr Schulabgänger einen akademischen Bildungsweg einschlagen. Daran sind Arbeitgeber nicht ganz unschuldig.

Lange Zeit konnten sich die Chefs ihre Auszubildenden aussuchen. Noch zu Beginn der 2000er-Jahre waren viele Schulabgänger ohne Ausbildungsplatz. Der Überfluss an potenziellen Auszubildenden hat sich auch auf die Personalpolitik der Unternehmen ausgewirkt. Unangepasste Ausbildungsvergütungen, fehlende Kommunikation und mangelnde Reformen im Umgang mit den Azubis führen jetzt dazu, dass sich viele Betriebe mit den handfesten Folgen des Nachwuchsmangels konfrontiert sehen.

Doch auch das Schul- und Bildungssystem ist unschuldig an den Entwicklungen. Die Eintrittsbarrieren für einen höheren Bildungsweg sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Durch das Raster fallen häufig bildungsferne Schichten und sozial Benachteiligte. Zusammen mit Migranten und Personen mit wenig ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten bleiben sie die „typischen“ Hauptschüler.

Das ist ein nicht unerheblicher Grund, weshalb sich viele Eltern darin bestärkt sehen, die eigenen Kinder zu motivieren, eine weiterführende Schule zu besuchen. Wer nun die Möglichkeit hat, zu studieren, wird wahrscheinlich eher seltener eine Berufsausbildung beginnen. Diese Entwicklungen haben sich vor allem in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verselbstständigt. Es braucht ein Umdenken, insbesondere durch (bildungs-)politische Gegenmaßnahmen eingeleitet werden kann.

Autor: Redaktion Personalwissen

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