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Was Sie beachten müssen, wenn Sie Schwerbehinderte zum Vorstellungsgespräch einladen

© Michaela Rofeld/Fotolia
Schwerbehinderte

Schwerbehinderte Personen erfahren im Bewerbungsverfahren und bei Personalauswahlprozessen ein besonderer Schutz. Der Bewerbung von Schwerbehinderten sollten Arbeitgeber daher stets erhöhte Aufmerksamkeit schenken, um eine Konfrontation mit Diskriminierungsvorwürfen zu vermeiden.
Als gesetzliche Grundlage, die einen diskriminierungsfreien Umgang mit schwerbehinderten Stelleninteressenten sicherstellt, dienen die Regelungen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) sowie das Sozialgesetzbuch (SGB IX, § 81 und 82). Im Auswahlverfahren und insbesondere bei der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch gilt es, den rechtlichen Anforderungen gerecht zu werden. Im folgenden Beitrag erfahren Sie, worauf Sie als Arbeitgeber im Falle der Bewerbung von einer schwerbehinderten Person achten müssen.

    Schwerbehindertenvertretung und Arbeitnehmervertretung

    Sobald dem Arbeitgeber eine Bewerbung eines schwerbehinderten Interessenten vorliegt, muss er die Schwerbehindertenvertretung sowie die Arbeitnehmervertretung des Unternehmens hierüber unverzüglich in Kenntnis setzen. Dieser Schritt ist auch dann nötig, wenn die fachliche Eignung des Bewerbers angezweifelt wird. Werden die genannten Gremien nicht benachrichtigt, kann dies bereits als Diskriminierung gedeutet werden.

    Öffentliche Arbeitgeber: Schwerbehinderte haben das Recht auf ein Vorstellungsgespräch

    Vor allem öffentliche Arbeitgeber sollten die Bewerbungsunterlagen Schwerbehinderter nicht leichtfertig aussortieren. § 82 Satz 2 SGB IX untermauert die besonderen Ansprüche von Schwerbehinderten auf Gleichbehandlung, indem die Regelung diesem Personenkreis das Recht auf einen persönlichen Vorstellungstermin im Anschluss an eine Bewerbung für den öffentlichen Dienst ausdrücklich einräumt. Der Bewerber soll hierdurch die Möglichkeit erhalten, seine Kompetenzen sowie fachlichen Voraussetzungen darzustellen und sein Gegenüber von seiner Leistungsfähigkeit und der Eignung für den zu besetzenden Arbeitsplatz zu überzeugen.

    Öffentliche Arbeitgeber haben demnach die Pflicht, Vorstellungsgespräche mit schwerbehinderten Interessenten wahrzunehmen, sofern die fachliche Eignung des Bewerbers nicht offensichtlich ausgeschlossen ist.

    Voraussetzung ist allerdings, dass der Bewerber bereits in seinem Anschreiben ausdrücklich auf seine Schwerbehinderung hinweist. Diese darf nicht erst durch die umfangreiche Prüfung sämtlicher Anlagen ersichtlich werden.

    Wichtiger Hinweis! Im öffentlichen Dienst besteht bereits Verdacht auf Diskriminierung, wenn eine schwerbehinderte Person keine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhält.

     

    Private Arbeitgeber: Eine Einladung zum Gespräch ist grundsätzlich empfehlenswert

    Nicht-öffentliche Arbeitgeber unterliegen zwar nicht der gesetzlichen Verpflichtung, Schwerbehinderten stets einen persönlichen Vorstellungstermin anzubieten, sie sind aber dennoch dazu angehalten. Hintergrund ist auch hier, die Teilnahme schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben zu fördern und Bewerbungsverfahren diskriminierungsfrei zu gestalten. Um die Vermutung einer Benachteiligung wegen der Behinderung auszuschließen, sollten auch private Arbeitgeber die Bewerbungen schwerbehinderter Stelleninteressenten im Auswahlprozess berücksichtigen. Sind schwerbehinderte Personen nicht eindeutig fachlich ungeeignet, kann eine Einladung zum Vorstellungsgespräch vor möglichen Folgen einer Diskriminierung schützen.

    Wichtiger Hinweis! Auch für private Arbeitgeber empfiehlt sich die vorsorgliche Einladung Schwerbehinderter zum Vorstellungsgespräch. Ein Verdacht auf Diskriminierung kann in Entschädigungsansprüchen für den Bewerber enden.

     

    Zweifel an der fachlichen Eignung rechtfertigen keine frühzeitige Absage

    Das frühzeitige Ausscheiden eines Schwerbehinderten aus dem Bewerbungsprozess ist besonders im öffentlichen Dienst nur dann unproblematisch, wenn das Fehlen der fachlichen Qualifikation offenkundig und eindeutig feststellbar ist. Laut § 82 Satz 3 SGB IX lässt sich dann auf eine Einladung zum Vorstellungsgespräch verzichten. Allerdings lässt sich die Eignung für eine Stelle nur sehr selten von vornherein vollständig ausschließen.

    Zweifel hinsichtlich der fachlichen Voraussetzungen bzw. die bloße Vermutung einer unzulänglichen Qualifikation reichen für eine Absage nicht aus. In unklaren Fällen ist es daher unbedingt ratsam, den Bewerber zum Gespräch einzuladen. Der Arbeitgeber befindet sich dann rechtlich gesehen auf der sicheren Seite und umgeht etwaige Diskriminierungsvorwürfe.

    Tipp: Ist eine mangelnde Eignung für die ausgeschriebene Stelle nicht eindeutig und offensichtlich erkennbar, sollte ein schwerbehinderter Bewerber in jedem Fall zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

     

    Nachgeholte Einladung verhindert keinen Entschädigungsanspruch

    Die verspätet nachgeholte Einladung zu einem Vorstellungsgespräch beseitigt nicht rückwirkend die Vermutung einer Benachteiligung aufgrund der Schwerbehinderung. Aus dem Benachteiligungsverbot des § 7 AGG ergeben sich im Falle einer unterbliebenen Einladung zu einem Bewerbungsgespräch durch einen öffentlichen Arbeitgeber bestimmte Ansprüche auf Entschädigung.

    Diese bleiben laut Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 22.08.2013 auch bestehen, wenn der Bewerber nachträglich und in Reaktion auf einen geltend gemachten Entschädigungsanspruch eine Einladung zum Vorstellungstermin erhält. Die Benachteiligung infolge einer Schwerbehinderung kann hierdurch nicht rückgängig gemacht werden.

    Schwerbehinderte Bewerber erscheinen nicht zum Vorstellungsgespräch

    Die Nichtwahrnehmung eines Vorstellungstermins durch den Bewerber lässt sich nicht zwangsläufig mit mangelndem Engagement gleichsetzen. Kann ein schwerbehinderter Bewerber einer Einladung zum Vorstellungsgespräch nicht nachkommen, ist nicht automatisch davon auszugehen, dass die Bewerbung ohne ein tatsächliches Interesse an der ausgeschriebenen Stelle erfolgte. Bestehen schwerwiegende Verhinderungsgründe, zum Beispiel Krankheit, und ist der Betroffene unverschuldet nicht in der Lage, den Termin wahrzunehmen, dürfen sich hieraus keine Nachteile für ihn ergeben. Um seine Rücksichtnahmepflichten gegenüber dieser Personengruppe zu erfüllen, sollte ein Arbeitgeber dem schwerbehinderten Bewerber unter Umständen einen Ersatztermin für ein Vorstellungsgespräch anbieten. Dabei spielt jedoch auch der Aspekt der Zumutbarkeit für den Arbeitgeber eine wichtige Rolle. Im Zweifel muss eine genaue Abwägung der sich gegenüberstehenden Interessen von Bewerber und Arbeitgeber erfolgen.

    Entstehung von Entschädigungsansprüchen

    Entstandene Entschädigungsansprüche setzen nicht notwendigerweise eine Benachteiligungsabsicht oder ein tatsächliches Verschulden voraus. Schwerbehinderte haben auch dann Anspruch auf Entschädigung, wenn seitens des Arbeitgebers keine vorsätzliche Benachteiligungsabsicht vorliegt.

    Ein Entschädigungsanspruch besteht beispielsweise auch dann, wenn die unautorisierte Absage zu einem Vorstellungsgespräch durch einen mangelhaft geschulten Mitarbeiter ausgelöst wird. In diesem Fall trägt das Unternehmen die Verantwortung und etwaige Konsequenzen.

    Wichtiger Hinweis! Als Arbeitgeber sollten Sie darauf achten, dass alle Mitarbeiter im Recruiting mit dem Personalauswahlprozess von Schwerbehinderten Menschen vertraut sind. Ein durch Unachtsamkeit praktiziertes Fehlverhalten und damit verbundene Kosten lassen sich so vermeiden.

     

    Arbeitgeber müssen stets sicherstellen, dass die Anforderungen zur Unterstützung von Bewerbern mit Schwerbehinderung erfüllt werden. Begründungen wie das Auftreten von Personalengpässen oder ein versehentliches Fehlverhalten stellen keine Entschuldigungen dar und befreien nicht von der Entschädigungspflicht.

    Tipp: Alles was Sie darüber hinaus über das Beschäftigungsverhältnis von Schwerbehinderten wissen müssen, erfahren Sie in unserem Beitrag Was Arbeitgeber bei der Beschäftigung von Schwerbehinderten wissen müssen.

     

    Fazit: Die Einladung zum Vorstellungsgespräch schützt vor Diskriminierungsvorwürfen und Entschädigungsklagen. Unternehmen müssen dafür sorgen, dass Personalauswahlprozesse und Bewerbungsverfahren fair und frei von Benachteiligungen gegenüber Schwerbehinderten ablaufen. Das Neunte Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) bilden die gesetzliche Grundlage für die angestrebte Förderung der Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Öffentliche Arbeitgeber sind verpflichtet, qualifizierten schwerbehinderten Bewerbern die Möglichkeit zu geben, ihre Eignung für die ausgeschriebene Stelle im Rahmen eines persönlichen Gesprächs darzulegen und etwaige Vorbehalte auszuräumen. Aber auch für private Arbeitgeber ist es empfehlenswert, Bewerbern mit Schwerbehinderung nicht vorschnell eine Absage zu erteilen. Mit einer Einladung zum Vorstellungsgespräch sind Arbeitgeber in jedem Fall rechtlich abgesichert.

    Autor: Redaktion Personalwissen

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