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Chancen und Risiken: So rekrutieren Sie Quereinsteiger

©Thomas Reimer/stock.adobe.com
Quereinsteiger

In deutschen Unternehmen stehen meist die durch Zeugnisse beurkundeten Qualifikationen im Vordergrund, wenn es um die Einstellung neuer Mitarbeiter geht. Doch der demografische Wandel und der Fachkräftemangel fordern mehr Mut von Unternehmern und Recruitern, sich öfter für Quereinsteiger zu entscheiden. Wer die nötigen Voraussetzungen schafft, kann gerade in der heutigen Zeit von branchenfremden Arbeitnehmern profitieren.

Was sind Quereinsteiger?

Als Quer- oder auch Seiteneinsteiger bezeichnet man im Berufsleben Personen, die aus einer anderen Branche in ein neues, fachfremdes Betätigungsfeld wechseln, ohne die für diesen Beruf oder die Branche sonst allgemein übliche Berufsausbildung absolviert zu haben. Da in manchen Berufsgruppen formale Qualifikationen gesetzlich vorgeschrieben sind, gibt es nicht in jedem Berufsfeld Quereinsteiger. In der Regel betrifft das alle Berufe mit geschützten Berufsbezeichnungen, also zum Beispiel den Arzt oder Notar.

Bei allen Berufen ohne geschützte Berufsbezeichnung ist ein Quereinstieg im Prinzip möglich. Obwohl es viele durchaus prominente Beispiele gibt – denke man an Angela Merkel –, werden deutsche Unternehmen auch im Recruiting ihrem Ruf gerecht und schauen noch immer sehr gründlich auf formale Qualifikationen wie abgeschlossene Berufsausbildungen und Studiengänge sowie zertifizierte Fort- und Weiterbildungen. Auch bei Faktoren wie der Berufserfahrung wird eher auf die Anzahl der Jahre in einer Branche geachtet, als auf die Qualität der gemachten Erfahrungen.

Quereinsteiger sichern Wettbewerbsfähigkeit

Doch sowohl der demografische Wandel als auch der Fachkräftemangel zwingen nun auch eher konventionelle Unternehmen sich für Quereinsteiger zu öffnen, wenn sie weiterhin wettbewerbsfähig bleiben wollen. Das ist längst nicht nur in der freien Wirtschaft zu beobachten, sondern auch im öffentlichen Dienst. So steigt zum Beispiel seit Jahren die Zahl an Lehrern, die als Seiteneinsteiger an die Schulen kommen.

Für eine differenzierte Betrachtungsweise lässt sich zwischen unfreiwilligen und freiwilligen Quereinsteigern unterscheiden. Unfreiwillige werden zum Beispiel infolge einer Kündigung dazu gezwungen, sich beruflich neu zu orientieren. Freiwillige hingegen sind häufig selbstbestimmt auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Sie zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:

  • Ausgeprägte Persönlichkeit
  • Überfachliche Kompetenzen
  • Breit gefächertes Fachwissen
  • Vielschichtige Erfahrungen
  • Hohe Motivation
  • Hohe Leistungsbereitschaft und der Mut sich zu beweisen
  • Frische, unvoreingenommene Sichtweise und neue Blickwinkel
  • Ideenreichtum und visionäres Denken

Vorteile für Unternehmen

Für kluge Unternehmer sind Quereinsteiger nicht erst eine Option, seitdem der Arbeitsmarkt ihnen keine andere Wahl lässt. Quereinsteiger bieten nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht eine Reihe an Vorteilen für Unternehmen:

  • Branchenfremdes Know-how
  • Höhere Produktivität
  • Höhere Innovationskraft
  • Wettbewerbsvorsprung
  • Aktives Diversity Management
  • Aktives Veränderungsmanagement
  • Modernisierung der Unternehmenskultur
  • Wissenstransfer innerhalb der Belegschaft
  • Bewältigung des Fachkräftemangels

Trotz der vielen Vorteile, die Quereinsteiger für ein Unternehmen bedeuten, stoßen sie bei vielen Arbeitgebern noch immer auf wenig Akzeptanz. Es gehört zur kulturellen Prägung, dass Personaler hierzulande vor allem kriteriengeleitet denken. Dabei wissen wir durch Studien, dass etwa 30 Prozent der Bewerbungen ohnehin Fake-Bewerbungen sind.

Seiteneinsteiger sind leistungsbereit und hochmotiviert

Seiteneinsteiger sind nicht nur eine echte Chance um offene Stellen zu besetzen, für die sich keine formal qualifizierten Arbeitskräfte finden lassen. Sie sind auch eine Bereicherung für jedes Unternehmen. Sie kommen mit einem neuen Blick auf die Dinge, bringen frische Ideen mit, sind leistungsbereit und hochmotiviert. Ihre Dankbarkeit dafür, eine Chance bekommen zu haben, kommt außerdem durch einen sehr hohen Grad an Loyalität zum Ausdruck.

Mögen Quereinsteiger in manchen Bereichen heute noch Exoten sein – die leider allzu oft auch von ihren Kollegen kritisch beäugt werden – werden sie in einigen Jahren nichts Außergewöhnliches mehr sein. Die Zeiten, als Arbeitnehmer ausschließlich nach Ausbildung und Branchenerfahrung ausgesucht wurden, neigen sich dem Ende zu. Und das ist auch gut so. Denn nur weil jemand ein Abschlusszeugnis besitzt, ist er nicht automatisch auch gut in seinem Beruf.

Schon heute gehört es zur Normalität, dass Angestellte im Laufe ihres Berufslebens bei mindestens drei bis vier Arbeitgebern beschäftigt sind. Jüngere Arbeitnehmergenerationen neigen zu noch kürzeren Angestelltenverhältnissen. Sie wollen sich ausprobieren und verwirklichen. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagen und nach einiger Zeit vielleicht wieder in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis zurückkehren. Gradlinige Karrierewege werden immer seltener, Arbeitnehmer dadurch immer erfahrener.

Unternehmen müssen sich aktiv für Quereinsteiger öffnen

Auch wenn Unternehmen Quereinsteiger bereits auf dem Radar haben, scheitert das Recruiting oft daran, dass diese durch das Raster fallen. Wenn sie sich denn überhaupt bewerben. Unternehmen müssen sich aktiv für Seiteneinsteiger öffnen. Nicht nur, indem sie die Zielgruppen breit halten, sondern auch indem der Recruiting-Prozess angepasst wird und ein Wandel in der Unternehmenskultur stattfindet.

Denn nur wenn Unternehmen Quereinsteiger nicht als zweite Wahl, sondern als Chance begreifen und behandeln, können sie diese akquirieren, halten und von ihnen profitieren. Dafür muss die seiteneinsteiger-freundliche Kultur auch von den Mitarbeitern gelebt werden. Dafür wiederum ist die Unternehmensleitung gemeinsam mit den Führungskräften verantwortlich.

Seiteneinsteiger gezielt ansprechen

Sind diese Grundvoraussetzungen geschaffen, muss das Recruiting Quereinsteiger gezielt ansprechen und ihnen die Bewerbung so einfach wie möglich machen. Das beginnt bereits damit, Seiteneinsteiger in Stellenanzeigen aktiv anzusprechen. Statt die formalen Qualifikationen in den Vordergrund zu stellen, sollte man kompetenten Talenten Mut machen, sich auch dann zu bewerben, wenn sie nicht aus der Branche kommen oder über die für den Job klassische Berufsausbildung verfügen.

Infolge muss auch das Onlineformular für Bewerber angepasst werden. Denn wenn ständig nach Abschlüssen und Branchenerfahrung gefragt wird, schreckt das Quereinsteiger ab. Stattdessen sollte man den Bewerbungs- und Auswahlprozess stärker auf die Individuen ausrichten. Geben Sie den Bewerbern Raum ihre Kompetenzen und Stärken deutlich zu machen. Ein zu enger Fokus auf Zeugnisse und Zahlen führt dazu, dass geeignete Kandidaten schon in der ersten Runde aufgeben.

Wissen und Softskills sind unerlässlich

Dabei kommt es in einer globalisierten und digitalisierten Wirtschaftswelt immer stärker auf breites Wissen und Soft Skills wie Problemlösungskompetenz und die Fähigkeit zu Perspektivenwechseln an. Gerade der technologische Fortschritt bringt neue Berufe und Arbeitsweisen mit sich, die dazu führen, dass Jobkandidaten, die die Einstellungskriterien vollständig erfüllen, ohnehin immer seltener werden.

Quereinsteiger benötigen mehr Einarbeitungszeit

Einer der Nachteile von Quereinsteigern ist, dass diese mangels tiefer Branchen-, Produkt- oder Dienstleistungskenntnisse eine längere Einarbeitungszeit benötigen. Die Integration in das Team, das meist aus Experten und Spezialisten besteht, ist ein wichtiger Prozess, der darüber entscheidet, ob Seiteneinsteiger tatsächlich zu einer Bereicherung werden. Denn nur wenn diese von Anfang an mit ins Boot geholt werden, können sie ihr Potenzial entfalten und bleiben dem Unternehmen langfristig treu.

Überhaupt spielt die Potenzialanalyse bei der Einstellung von Quereinsteigern eine wichtige Rolle. Und mindestens genauso wichtig ist es den branchenfremden Mitarbeitern im Laufe ihrer Tätigkeit dabei zu helfen, diese Potenziale auch zu entfalten und weiterzuentwickeln. Schließlich zeichnen sich gerade Quereinsteiger durch ihre Agilität und Formbarkeit aus. Das sollten Sie durchaus für sich nutzen.

Die wichtigsten Tipps zur Rekrutierung von Quereinsteigern:

1. Quereinsteiger als Chance begreifen

Nur wenn Seiteneinsteiger wirklich gewollt sind, weil sich die Verantwortlichen ihrer Vorteile bewusst sind, macht es Sinn diese aktiv zu rekrutieren und einzustellen. Seiteneinsteiger sind keine Notlösung oder zweite Wahl, sondern eine Chance die Wettbewerbsfähigkeit Ihres Unternehmens langfristig zu sichern.

2. Unternehmenskultur anpassen

Es genügt nicht, dass Quereinsteiger von der Unternehmensleitung gewollt sind. Es muss eine offene Unternehmenskultur herrschen, die Quereinsteiger willkommen heißt, sie integriert und ihre Potenziale nutzt. Dafür sind alle Mitarbeiter ins Boot zu holen. Auch ihnen muss bewusst sein, dass Quereinsteiger eine Bereicherung sind und keine Kollegen, auf die man hinabschaut.

3. Seiteneinsteiger aktiv ansprechen

Sind die Stellenausschreibungen zu eng gefasst, bewerben sich Quereinsteiger erst gar nicht. Machen Sie diesen in der Stellenanzeige bewusst Mut sich auch dann zu bewerben, wenn sie die formalen Qualifikationen nicht besitzen, aber sich durchaus berufen fühlen. Achten Sie auch im gesamten Bewerbungs- und Auswahlprozess darauf, auf die Besonderheiten von Quereinsteigern einzugehen und es ihnen nicht zu schwierig zu machen.

4. Plan zur Einarbeitung und Integration

Die Einarbeitung entscheidet darüber, wie gut ein neuer Mitarbeiter seine Arbeit zukünftig machen kann. Das gilt bei Quereinsteigern noch mehr als bei allen anderen Arbeitnehmern. Nur wenn sie ins Team integriert werden, bleiben sie dem Unternehmen langfristig erhalten. Stellen Sie deshalb einen konkreten Plan zur Einarbeitung und Integration auf und nehmen Sie sich für die Umsetzung die notwendige Zeit.

5. Potenziale fördern

Unterstützen Sie Seiteneinsteiger – die naturgemäß besonders lern- und leistungswillig sind – dabei, die fehlenden fachlichen Kompetenzen zu entwickeln. Für branchenfremde Mitarbeiter ist es zum Beispiel sehr hilfreich, in der Anfangsphase verschiedene Abteilungen zu durchlaufen und dort Wissen und Erfahrungen zu sammeln. Auch Seminare, Coachings, Trainings, Webinare und Co. helfen dabei, die versteckten Potenziale der Arbeitnehmer zu fördern, damit Sie nachhaltig davon profitieren können.

6. Vertrauen haben

Natürlich birgt die Einstellung von Seiteneinsteigern durchaus auch Risiken. Doch nur wenn Sie Vertrauen haben, dass die Betroffenen ihre Fähigkeiten selbst einschätzen können und alles daran setzen, sich in die Materie einzuarbeiten, können Quereinsteiger sich erfolgreich entfalten. Ständige Kontrolle und Überwachung hindert die Entwicklung. Freiwillige Quereinsteiger haben per se eine hohe Lern- und Veränderungsbereitschaft.

Quereinsteiger werden für Unternehmen immer wichtiger

In einer von Personal- und Fachkräftemangel geprägten Arbeitswelt werden Quereinsteiger zu einer immer wertvolleren Ressource. Nicht nur, weil sie personelle Lücken füllen können, sondern auch weil sie Eigenschaften mitbringen, die in einer globalen, technologisierten und wettbewerbsgeprägten Wirtschaftswelt unabdingbar sind.

Seiteneinsteiger sind nicht nur durch ihre überdurchschnittliche Motivation und Produktivität, sondern auch durch ihren frischen Blick und ihr breites Wissen eine echte Bereicherung für Unternehmen, die ihnen offen und ihrerseits lernwillig begegnen. Doch um Quereinsteiger muss im Recruiting aktiv geworben werden. Das erforderte Anpassungen im Bewerbungs- und Auswahlprozess.

Autor. Matthias Koprek

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