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Das Motivationsschreiben: Sind Anschreiben heutzutage noch sinnvoll?

© ZoFot – Shutteerstock
Motivationsschreiben

Anschreiben und Motivationsschreiben sind aktuell ein fester Bestandteil einer Bewerbung. Doch: Über die Frage, ob diese Schriftstücke wirklich noch zeitgemäß sind, gibt es in der HR-Branche eine große Diskussion. Der Grund dafür ist die Auffassung, dass Motivationsschreiben lediglich aus einer Aneinanderreihung von Floskeln bestehen und die wahre Motivation – der eigentliche Zweck des Bewerbungsschreibens – in diesen nichtssagenden Sätzen verborgen bleibt. Daher greift dieser Artikel die Frage auf, welchen Mehrwert ein Motivationsschreiben (nicht) liefert und welche Alternativen es dazu gibt. Beachten Sie: Dieser Artikel verwendet die Begriffe Motivationsschreiben und Anschreiben synonym.

Bild: bewerbung-mit-motivationsschreiben

Was ist ein Motivationsschreiben?

Nach der Definition im Duden ist ein Motivationsschreiben ein „Schriftstück in Bewerbungsunterlagen, in dem jemand die Motivation für seine Bewerbung darlegt“. Somit ist dieses Anschreiben das Herzstück einer Bewerbung, das man den Unterlagen zusätzlich zu Lebenslauf und Zeugnissen beilegt. Auf höchstens einer Seite formulieren Bewerber kurz und knapp, wieso sie perfekt auf die ausgeschriebene Stelle passen.

Die Relevanz des Anschreibens zeigt sich bis heute ebenfalls in Zahlen: 87 Prozent der HR-Verantwortlichen gaben in der Indeed Bewerbungsstudie aus dem Jahr 2016 an, dass sie von den Kandidaten ein ausformuliertes Motivationsschreiben erwarten und ein solches Anschreiben auch als sinnvoll erachten. Dabei kann ein Bewerbungsschreiben Folgendes beinhalten:

  • Motivation: Die Gründe, wieso ein Bewerber sich für eine Stelle berufen fühlt, sind fester Bestandteil einer Bewerbung. Zusätzlich zum Lebenslauf und den Arbeitszeugnissen kann der Bewerber somit darlegen, wieso er sich genau auf diese Stelle bewirbt.
  • Persönlichkeit: Der Bewerber legt in einem Anschreiben dar, was seine Person auszeichnet. Somit klärt er hier die Frage, ob er im Vergleich zu anderen Kandidaten in einer oder mehreren Eigenschaften besonders hervorragt und inwieweit ihm diese Eigenschaften für die ausgeschriebene Stelle eine Stütze sind. Ein wichtiger Faktor in diesem Zusammenhang sind Soft Skills, die sich anhand konkreter Tätigkeiten belegen lassen.
  • Qualifikationen: Der Lebenslauf legt den bisherigen schulischen und beruflichen Werdegang eines Kandidaten dar. Doch oftmals bleiben hier wertvolle Informationen verborgen. Beispielsweise die genauen Tätigkeiten der vorherigen Arbeitsstellen oder die Schwerpunkte, die der Bewerber in seinem Studium gewählt hat. Diese kann er im Motivationsschreiben aufzählen und in diesem Zusammenhang wiederum darlegen, inwiefern sie ihm für die ausgeschriebene Stelle behilflich sind.

Somit ist ein Anschreiben für die Bewerber vor allem ein Mittel zur Selbstvermarktung. Hieraus speist sich einerseits die Gefahr eines Anschreibens, andererseits aber auch der eigentliche Mehrwert. Beide Seiten legen die nächsten Abschnitte nochmals detaillierter dar.

Wieso hat man so lange auf Motivationsschreiben gesetzt?

Motivationsschreiben stellen eine Chance für Bewerber dar, sich dem Unternehmen näher vorzustellen. Denn: Ein Lebenslauf allein bietet nicht den nötigen Raum für die Frage, wieso man sich für eine Stelle besser eignet als ein anderer Kandidat – die Vita kratzt im Gegensatz zum Anschreiben nur an der Oberfläche und lässt keine tiefer gehende Interpretation zu. Hieraus ergibt sich der erste wichtige Grund, dass das Sichten von Motivationsschreiben bis heute ein fester Bestandteil eines Bewerbungsprozesses ist.

Das Anschreiben als Unterscheidungskriterium für HR-Verantwortliche

Der zweite wichtige Faktor eines Anschreibens ist aber auch, dass es ein Unterscheidungskriterium darstellt. Viele Lebensläufe sind nahezu identisch: Erst kommt die Schule, dann die Ausbildung oder ein Studium und zuletzt noch etwas Berufserfahrung – viel zu wenig, um eine wirklich fundierte Aussage über einen Bewerber und seine persönliche Eignung treffen zu können. Abhilfe schaffen somit Bewerbungsanschreiben, durch die Personalverantwortliche mehr über den Kandidaten erfahren können.

Hier greift auch das Argument, dass bei einem Auswahlverfahren ohne Bewerbungsschreiben viel zu oft das Äußere des Bewerbers oder phrasenhaft formulierte Arbeitszeugnisse den Ausschlag für eine Zusage oder Absage geben. Das ergibt sich aus der Tatsache, dass eine Entscheidung bei Kandidaten mit einem ähnlichen persönlichen und/oder beruflichen Werdegang an einem Anhaltspunkt getroffen werden muss – sei er noch so trivial und zufällig.

Das können Motivationsschreiben ebenfalls leisten

Weitere Aussagen, die man durch ein Anschreiben treffen kann, sind:

  • Sorgfalt und Ordentlichkeit durch eine korrekte Rechtschreibung und eine gute Optik der Bewerbungsmappe
  • Hohe Sprachkompetenz durch eine einwandfreie Ausdrucksweise
  • Kreativität und Begeisterungsfähigkeit durch den Einleitungssatz
  • Bemühen und Interesse durch die Bezugnahme zum Unternehmen

Doch natürlich können Bewerber diese Schlussfolgerungen auch bewusst beeinflussen, indem sie die sprachlichen und förmlichen Kriterien gezielt ein- und umsetzen. Dennoch zeigt sich durch ein gutes Anschreiben, dass ein Bewerber tatsächlich Interesse an einer Stelle hat.

Nachteile eines Motivationsschreibens: Phrasen und kopierte Inhalte

Dass ein Bewerbungsschreiben für Personalentscheider also einen gewissen Mehrwert liefert, ist nicht von der Hand zu weisen. Doch: Vor allem in Zeiten von LinkedIn und Xing, die eine One-Click-Bewerbung möglich machen, stellt sich in der Welt der Human Resources oftmals die Frage, inwiefern ein Motivationsschreiben überhaupt noch sinnvoll ist. In dieser Diskussion gibt es daher auch einige Argumente, die deutlich machen, wieso ein Motivationsschreiben mehr hinderlich, denn hilfreich sein kann.

Diese Argumente sind:

  • Nichtssagende und inhaltslose Phrasen: In Anschreiben werden Adjektive wie „hoch motiviert“, „belastbar“, „teamfähig“ oder „flexibel“ inflationär verwendet. Das hat zur Konsequenz, dass diese phrasenhaften Wörter – analog zum Geld bei einer Inflation – ihren Wert verlieren. Eine Aussage darüber, ob die Adjektive auf den Bewerber wirklich zutreffen, ist somit nicht mehr möglich.
  • Copy-Paste-Inhalte: Bewirbt sich ein Kandidat gleich auf mehrere oder ähnliche Stellen, ist es keine Seltenheit, dass Anschreiben nur per Copy & Paste entstehen: Formulierungen bleiben, während sich unternehmensbezogene Daten einfach austauschen lassen. Die Folge ist, dass sich der Mehrwert eines Motivationsschreibens – in dem man das Interesse an einer bestimmten Stelle darlegen soll – im Nichts auflöst.

Inhaltslose Worthülsen und übertragbare Aussagen sind die eine Seite der Medaille, die andere Seite sind Anschreiben, die nicht vom Bewerber selbst stammen. In einer Umfrage der Monster Recruiting Trends 2016 gaben knapp 14 Prozent der Befragten an, dass sie ihr Motivationsschreiben von einer anderen Person schreiben ließen. Ghostwriting ist somit ein nicht zu vernachlässigender Aspekt, der auch vor der HR-Branche keinen Halt macht und somit die Relevanz von Motivationsschreiben dahinstellt.

Sind Motivationsschreiben nun sinnvoll oder nicht?

Nachdem nun die Vor- und Nachteile eines Auswahlverfahrens mit Motivationsschreiben dargelegt wurden, drängt sich die Frage auf: Sind Motivationsschreiben nun sinnvoll oder eben nicht? Wäre es vielleicht besser, grundsätzlich auf Anschreiben zu verzichten? Solche Fragen lassen sich nicht pauschal beantworten.

Branche und Stelle beachten

Vor allen in Branchen, die technischer oder handwerklicher Natur sind, lässt sich die Relevanz eines Bewerbungsschreibens anzweifeln. Denn die Frage, ob es für einen Maurer oder einen Bäcker wirklich wichtig ist, dass er zur Ausübung seines Berufs eine besondere Wortgewandtheit mitbringt, lässt sich oftmals mit Nein beantworten.

Doch nicht nur die Branche ist ein Anhaltspunkt, ob ein Motivationsschreiben sinnvoll ist oder nicht. Vor allem die Funktion, in der der zukünftige Arbeitnehmer eingesetzt werden soll, kann bei einer Entscheidung für oder gegen ein Motivationsschreiben hilfreich sein. Denn: Soll ein Mitarbeiter eine Führungsposition übernehmen, gilt ein gut geschriebenes Anschreiben bis heute noch als wichtiger Anhaltspunkt in der Frage, ob er sich für die Stelle eignet oder nicht. Schlicht und ergreifend aufgrund der inhaltlichen Tiefe eines Motivationsschreibens.

Candidate Experience: Was halten die Bewerber vom Anschreiben?

Zu Zeiten des Fachkräftemangels wird eine positive Candidate Experience zunehmend wichtiger. Dabei geht es nicht nur um zeitnahe Antworten und einen transparenten Bewerbungsprozess, sondern auch um das konkrete „Wie“. Wie würden sich Kandidaten gerne bewerben – mit oder ohne Anschreiben?

In der Monster Recruiting Trends Umfrage geben zum Beispiel 36,5 Prozent der Befragten an, dass sie auf das Verfassen eines Motivationsschreibens verzichten würden, wenn sie beim Bewerbungsprozess die Wahl hätten. Ein Anschreiben kann somit von den Kandidaten auch als Hürde wahrgenommen werden.

Gibt es geeignete Alternativen zum Motivationsschreiben?

Es muss nicht immer ein Anschreiben sein. Zu Zeiten von Social Media und Co. gibt es auch für Recruiter die Möglichkeit, auf neue Auswahlverfahren zu setzen. Dies bietet sich vor allem für Branchen oder Positionen an, für die ein Motivationsschreiben noch einen Mehrwert darstellt. Wie bereits dargelegt, ist dies vor allem für Stellen mit Führungsaufgaben oder Berufe mit einem hohen Anforderungsprofil der Fall.

Geeignete Alternativen zu einem Motivationsschreiben können sein:

  1. Telefon- und Videointerview
  2. Bewerbungsvideo
  3. Kreative Anschreiben
  4. Einreichen von Vorab-Projekten

Alternative 1: Video- und Telefoninterview

Auch Video- und Telefoninterviews können die Vorauswahl für ein persönliches Gespräch erleichtern. Das ist vor allem für große Unternehmen nützlich, die eine hohe Zahl an Bewerbern für eine Stelle verwalten müssen. Auch bei Video- oder Telefoninterviews kommt die Digitalisierung zum Zuge. Oftmals unterhalten sich die Kandidaten nämlich nicht direkt mit einem Personaler am anderen Ende der Leitung, sondern mit einem computerbasierten Avatar.

Dieser leitet die Kandidaten durch ein vorgefertigtes Interview, während die Antworten aufgezeichnet werden. Nach der Aufzeichnung werden die Ergebnisse gezielt evaluiert. Der Vorteil ist, dass zunächst deutlich weniger Personalaufwand für das Durchführen der Interviews nötig ist: So lassen sich sehr viel mehr Bewerber auf den Prüfstand stellen als bei einem klassischen Interview. Der Nachteil ist, dass es viele Bewerber stört, dass der menschliche Kontakt fehlt.

Alternative 2: Bewerbungsvideo

Im Falle eines Bewerbungsvideos bewirbt sich der Kandidat mit einem selbst gedrehten Video, anstatt mit einem Motivationsschreiben. Der Inhalt des Bewerbungsvideos ist dabei der gleiche wie in einem Motivationsschreiben: Der Kandidat erläutert, wieso er sich für die Stelle bewirbt und weshalb er sich für die ausgeschriebene Stelle eignet.

Der Videoclips sollte dabei nicht länger als 60 oder 90 Sekunden sein. Beispiele für gelungene Clips gibt es auf der Videoplattform YouTube zuhauf. Der Vorteil für Unternehmen ist, dass für die Sichtung wenig Zeit- und Personalaufwand aufgewendet werden muss. Der Nachteil ist, dass Bewerber die Aufnahme des Videos als weitere Hürde wahrnehmen könnten. Nicht jeder ist im Umgang mit Videoaufzeichnungen und -schnitten versiert. Dadurch könnte der eine oder andere Interessierte von einer Bewerbung absehen.

Alternative 3: Kreative Anschreiben

Sei es ein Ein-Zeilen-Anschreiben oder ein Motivationsschreiben, das unter anderem daraus besteht, darzulegen, was man nicht kann, anstatt aufzuzählen, welche Fähigkeiten einen besonders auszeichnen: Kreative Bewerbungsschreiben können hilfreich sein, den richtigen Kandidaten für eine Stelle zu finden. Vor allem, wenn in der zukünftigen Position viel Kreativität vonnöten ist.

Auch One-Click-Bewerbungen, die auf immer mehr Online-Recruiting-Seiten wie Xing oder LinkedIn zu finden sind, gewinnen an Beliebtheit. Hierbei bewirbt sich der Kandidat lediglich mit seinem Profil, wodurch die Hürde, sich zu bewerben stark gesenkt wird.

Der Vorteil dieser Bewerbungsmethoden ist, dass sich tendenziell sehr viel mehr Menschen bewerben. Es wird dadurch wahrscheinlicher, die richtige Besetzung für eine vakante Stelle zu finden. Der Nachteil solcher Methoden ist aber, dass der Mehrwert eines Motivationsschreibens so gut wie wegfällt. Da für einen Beruf nicht nur „harte“, sondern auch „weiche“ Fähigkeiten relevant sind, ist noch immer wichtig, diese während des Bewerbungsprozesses in Erfahrung zu bringen.

Alternative 4: Einreichen von Vorab-Projekten

„Do the job before you get the job” ist hier die Devise: Personalverantwortliche können somit eine Art Arbeitsprobe verlangen, indem sie zum Beispiel fordern, dass die Bewerber ein Probe-Projekt für das Unternehmen durchführen.

Das kann unter anderem bei Webdesignern oder Marketing-Berufen sinnvoll sein. Hierdurch zeigt der Bewerber seine Motivation für das Unternehmen, da er sich genauer mit der Firma und dem Arbeitsauftrag beschäftigen muss. Auch sein Know-how und seine Fähigkeiten, die ihn für die ausgeschriebene Stelle prädestinieren, zeigen sich so. Jedoch sollten Sie nicht vernachlässigen, dass diese „Arbeit zum Nulltarif“ auch eine Hürde für den Kandidaten darstellen könnte.

Autor: Redaktion Personalwissen

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