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Midijob Reform: Diese Neuerungen ab 2019 sind wichtig für Arbeitgeber und Arbeitnehmer

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Midijob Reform 2019

Zum 01.07.2019 hat die Große Koalition unter dem zuständigen Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil tief greifende Änderungen bei der Bewertung von Midijobs, die auch als Gleitzonenfall bezeichnet werden, beschlossen. Diese sind Teil des neuen Gesetzes über Leistungsverbesserungen und die Stabilisierung der gesetzlichen Rentenversicherung. Als Midijob bezeichnet man in der Bundesrepublik Deutschland ein Beschäftigungsverhältnis, bei dem das monatliche Arbeitsentgelt über der Lohngrenze von 450 Euro für Minijobs liegt. Gleichzeitig überschreitet die regelmäßige Lohnzahlung nicht eine Gehaltsgrenze von 850 Euro monatlich, die auch als Obergrenze benannt wird. Zum 01. Juli 2019 steigt diese Obergrenze um 450 Euro auf 1.300 Euro pro Monat.

Welche Vorteile hat ein Midijob gegenüber einem Teilzeitjob?

Ein Midijob hat sowohl für Angestellte als auch für Unternehmen in Bezug auf die abzuführenden Sozialversicherungsbeiträge klare Vorteile zu einer regulären Teilzeitbeschäftigung oder einem Minijob. Dies ist darin begründet, dass es sich zwar um ein steuer- und sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis handelt, die Abgaben aber nur von einem Teil des Arbeitsentgelts berechnet werden. Mit einer Steigerung des Gehalts erhöhen sich ebenfalls die Sozialversicherungsabgaben. Zudem profitieren Beschäftigte bei einem Midijob im Falle einer Arbeitsunfähigkeit unter anderem von einer 6-wöchigen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und auch vom gesetzlichen Krankengeld.

Während geringfügig angestellte Mitarbeiter und Arbeitgeber früher beim Überschreiten der Minilohn-Verdienstgrenze von 450 Euro sofort die vollen Beiträge für die Sozialversicherung abführen mussten, profitieren sie bei einem Midijob von der Gleitzonenregelung und niedrigeren Beiträgen. Unternehmen können die Abgaben zur Sozialversicherung von Midijobbern sehr einfach mit einem Gleitzonenrechner kalkulieren, der zudem in den meisten Softwareprogrammen für die Lohn- und Gehaltsrechnung bereits integriert ist. Einen interaktiven Gleitzonenrechner findet man zum Beispiel auch im Internet unter dem folgenden Link: Gleitzonenrechner

Wie der Fiktivverdienst und die Abgaben zur Sozialversicherung berechnet werden

Um das verminderte beitragspflichtige Entgelt, das auch als Fiktivverdienst bezeichnet wird, zu errechnen, wird das vereinbarte Entgelt im Midijob durch eine Formel reduziert. Auf den Internetseiten der Deutschen Rentenversicherung wird die derzeit gültige Formel, die auch in allen Gleitzonenrechnern als Berechnungsgrundlage hinterlegt ist, wie folgt beschrieben:

1,273825 * Tatsächliches Arbeitsentgelt – 232,75125

Wurde der Fiktivverdienst ermittelt, werden im nächsten Berechnungsschritt die Arbeitgeberanteile für jeden Zweig der Sozialversicherung aus dem tatsächlichen Verdienst des Mitarbeiters berechnet. Arbeitnehmer bezahlen letztlich lediglich die Differenz zwischen den auf dem faktischen Einkommen entfallenden Sozialversicherungsbeiträgen und den Summen, die auf den Fiktivverdienst entfallen.

Beispiel: Ihr Mitarbeiter verdient monatlich 525 Euro. Damit liegt er über der Beitragsbemessungsgrenze eines Minijobs und wird als Midijobber eingestuft. Um die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung und Krankenversicherung korrekt zu berechnen, sind folgende Kalkulationen auszuführen:

1. Berechnung des Fiktivverdienstes

1,273825 * 525 Euro – 232,75125 = 436,00 Euro

2. Berechnung des Rentenversicherungsbeitrags (18,6% / 2 = 9,3% * 2)

436,00 Euro * 9,3% = 40,55 Euro * 2 = 81,10 Euro

Berechnung des Krankenversicherungsbeitrags (14,6% / 2 = 7,3% * 2)

436,00 Euro * 7,3% = 31,83 Euro * 2 = 63,66 Euro

3. Berechnung des Arbeitgeberanteils, vom tatsächlichen Verdienst

Rentenversicherung: 525 Euro * 9,3% = 48,83 Euro

Krankenversicherung: 525 Euro * 7,3% = 38,33 Euro

4. Berechnung des Arbeitnehmeranteils zur Rentenversicherung

Rentenversicherung: 81,10 Euro – 48,83 Euro = 32,27 Euro Arbeitnehmeranteil

Krankenversicherung*: 63,66 Euro – 38,33 Euro = 25,33 Euro Arbeitnehmeranteil

*Erhebt die gesetzliche Krankenkasse einen Zusatzbeitrag, so werden die Kosten seit 01.01.2019 zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer zu gleichen Teilen aufgeteilt und erhöhen die Kosten für die gesetzliche Krankenkasse.

Am Beispiel dieses Mitarbeiters wird deutlich, dass Arbeitnehmer im Midijob einen wesentlich geringeren Anteil zur Kranken- und Rentenversicherung abführen müssen, als der Arbeitgeber. Trotzdem profitieren auch Unternehmen von der Gleitzonenrechnung und den verminderten Beiträgen. Bei Nichtanwendung der Gleitzonenregelung müssten diese sonst stets die vollen Abgaben zur Sozialversicherung abführen, was zusätzliche Kosten verursachen würde. Bei den entrichteten Sozialversicherungsbeiträgen des Mitarbeiters handelt es sich um vollwertige Pflichtbeiträge, die immer vom Fiktivverdienst zu berechnen sind. Eine Aufstockung der Rentenbeiträge auf das Niveau des tatsächlichen Verdienstes ist jederzeit auf Antrag möglich und führt letztlich zu einer erhöhten Rentenzahlungen.

Gibt es steuerliche Vorteile bei Midijobs?

Auch aus steuerlicher Sicht ist ein Midijob für im Niedriglohnsektor beschäftigte Arbeitnehmer interessant. Der Grund dafür ist, dass Beschäftigte in den Steuerklassen 1-4 keine Lohnsteuer für einen Midijob abführen müssen. Für Mitarbeiter in den Lohnsteuerklassen 5 und 6 gelten abweichende Regelungen. Angestellte und Arbeiter in der Gleitzone profitieren zudem von identischen arbeitsrechtlichen Bestimmungen, die auch für sozialversicherungspflichtige Angestellte oberhalb der Midijob-Verdienstgrenze gelten:

  • Keine Anstellung unterhalb des gesetzlichen Mindestlohnes (2019: 9,19 Euro) möglich
  • Anspruch auf den gesetzlichen Urlaubsmindestanspruch von 24 Arbeitstagen
  • Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sowie gesetzliches Krankengeld
  • Anwendung aller gesetzlichen oder arbeitsvertraglichen Kündigungsbestimmungen
  • Anspruch auf Leistungen der Agentur für Arbeit in Abhängigkeit zum Verdienst

Warum Midijobs durch geringere Sozialversicherungsbeiträge gefördert werden

Die reduzierten Sozialversicherungsbeiträge stellen ein arbeitsmarktpolitisches Instrument dar, dass unterschiedliche Anreize schaffen soll. Unternehmen gibt die Einstellung von Beschäftigten in der Gleitzone die Möglichkeit, mehr Mitarbeiter im Niedriglohnsektor oberhalb von der 450-Euro-Grenze von Minijobs zu beschäftigen und gleichzeitig von geringen Sozialversicherungsbeiträgen zu profitieren. So ist es Unternehmen möglich, weitere, vollwertige sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze zu schaffen.

Beschäftigte, die als Niedrigverdiener lange in Minijobs tägig waren und damit nicht vollständig von den Vorteilen der gesetzlichen Sozialversicherung profitieren konnten, erhalten durch einen Midijob die Chance, alle Leistungsangebote der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung nutzen zu können. Sie profitieren zum Beispiel von den Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse in Bezug auf die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder sammeln monatlich Rentenanwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Vor allem für Personen, die über längere Zeit im staatlich geförderten zweiten Arbeitsmarkt von Fördergeldern und individuellen Maßnahmen der Agentur für Arbeit abhängig waren, verbessern Midijobs die soziale und gesellschaftliche Position erheblich. Sie erhalten durch einen Midijob die Chance, in den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln und die staatliche Abhängigkeit und den Niedriglohnsektor vollständig zu verlassen. Midijobs sind dabei oft der Einstieg in eine Teil- oder Vollzeittätigkeit mit steigenden Löhnen und den umfangreichen Vorteilen des Sozialversicherungssystems.

Was bedeutet die Reform ab Juli 2019 für die Midijobber?

Durch das neue Gesetz über Leistungsverbesserungen und die Stabilisierung des gesetzlichen Rentenversicherungssystems profitieren Midijobber von einer Erhöhung der Obergrenze auf 1.300 Euro. Dies bedeutet vor allem, dass Teilzeitbeschäftigte oder Mitarbeiter im Niedriglohnsektor umfassend von der erhöhten Obergrenze auf 1.300 Euro und den rentenrelevanten Inhalten des Gesetzes Nutzen ziehen werden.

Mitarbeiter, die bisher bei einem Verdienst von über 850 Euro den vollen Beitrag zur gesetzlichen Sozialversicherung zahlen mussten, sind durch die neue Gesetzgebung deutlich entlastet. Sie ziehen aus der verbesserten Gleitzonenregelung und den niedrigeren Abgaben für die Kranken- und Rentenversicherung Nutzen. Gleichzeitig hat der Gesetzgeber bestimmt, dass die Beitragsentlastung für Mitarbeiter in Midijobs nicht zu einer Verringerung ihrer Rentenansprüche führt. Laut Information des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales werden von der Anhebung der Obergrenze bei Midijobs bis zu 3,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland profitieren.

Alle beschlossenen Maßnahmen entlasten somit vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Niedriglohnsektor. Gleichzeitig bieten sie zusätzliche Anreize für Arbeitgeber, neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu schaffen und mit Arbeitnehmern zu besetzen, die bisher im zweiten Arbeitsmarkt beschäftigt waren. Letztlich stärken sie die gesetzliche Rentenversicherung und erweitern den Kreis der Beitragszahler. Zudem wirken die gesetzlichen Bestimmungen nachhaltig gegen Altersarmut und ein niedriges Rentenniveau.

Autor: Torsten Niermann

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