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Woher kommt der plötzliche Trend zu akademischen Berufszweigen?

© industrieblick / Fotolia
Ausbildung oder Studium

Bereits im vergangenen Jahr klagten Betriebe branchenübergreifend über einen dramatischen Rückgang an Interessenten für die Berufsausbildung. Beinahe 40.000 Ausbildungsplätze konnten im Jahr 2017 nicht besetzt werden. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass hingegen immer mehr Schulabgänger einen akademischen Weg einschlagen. In diesem Beitrag lesen Sie, welche Faktoren zu einer „Akademisierung“ des Arbeitsmarktes führten, was die Auswirkungen davon sind und welche Maßnahmen Betriebe ergreifen können, um die duale Betriebsausbildung wieder attraktiver werden zu lassen.

Wie sich die Kluft zwischen Studium und Berufsausbildung entwickelt hat

Die duale Berufsausbildung – also die Kombination von Ausbildung und Berufsschule – ist ein spezifisches deutsches Modell, das sich großer Beliebtheit erfreut. Der reelle Praxisbezug, der mit Theoriewissen aus dem Unterricht untermauert wird, wird europaweit als Alleinstellungsmerkmal der dualen Berufsausbildung wahrgenommen. Nichtsdestoweniger hat sich der Trend weg von der Berufsausbildung hin zu schulischer Ausbildung und Studium entwickelt.

Eine Prognose der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass die akademische Ausbildung seit nunmehr fünf Jahren weitaus mehr Schulabgänger anspricht, als das noch vor einem Jahrzehnt der Fall war. Die Studie kam zu weiteren interessanten Ergebnissen:

  • 2005 gab es fast doppelt so viele Berufsschulanfänger wie Hochschulinteressenten
  • Seit 2013 werden akademische Berufe immer beliebter
  • Bis 2030 soll die Anzahl der Studienanfänger um 43 % zunehmen

Diese Entwicklung liegt dabei nicht am verstärkten Interesse der Schulabgänger an wissenschaftlichen Themen. Denn: Die meisten Studenten haben nicht vor, nach dem Abschluss einen wissenschaftlichen Beruf auszuüben. Vielmehr geht es darum, sich durch einen akademischen Abschluss ein Zertifikat (Bachelor oder Master) zu sichern, welches langfristig die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht.

Interessant: In Deutschland gibt es mittlerweile über 1.000 Studienrichtungen zur Auswahl. Die Zahl der angebotenen Berufsausbildungen ist jedoch weitaus niedriger. Es liegt also auch die Vermutung nahe, dass geringere Wahl- und Spezialisierungsmöglichkeiten die duale Berufsausbildung weniger attraktiv erscheinen lassen.

Was haben die Betriebe mit der zunehmenden Akademisierung zu tun?

Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr: Sowohl gesellschaftliche als auch politische Faktoren spielen eine wesentliche Rolle für die zunehmende Akademisierung. Gerade Deutschland gilt als äußerst zertifikatorientiertes Land, in welchem es für Quereinsteiger oder Ungelernte immer noch schwierig ist, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten.

Aber auch die Ausbildungsbetriebe treiben den aufgezeigten Trend voran. Immer mehr Geschäftsführer geben an, verstärkt Hochschulabsolventen, anstatt dual ausgebildeter Fachkräfte einzustellen. Diese Fokussierung auf hoch bzw. akademisch ausgebildete Fachkräfte lässt die duale Ausbildung gerade für Schulabgänger und deren Eltern – die insbesondere beim Berufseinstieg noch maßgeblich an der Entscheidung beteiligt sind – weniger attraktiv erscheinen.

Mit der voranschreitenden Fokussierung auf hoch qualifizierte Schulabgänger leidet auch das Ansehen der Schulabschlüsse. War der qualifizierte Hauptschulabschluss bis vor einigen Jahren noch die Eintrittskarte in eine duale Berufsausbildung, so hat sich die Mindestvoraussetzung in vielen Betrieben hin zur Mittleren Reife geändert. Dieser Trend entwickelt eine Dynamik, welche früher oder später durch geschicktes Recruiting aufgebrochen werden muss.

Hat die duale Berufsausbildung noch Zukunftsperspektive?

Gerade in handwerklichen Berufen lässt sich ein merklicher Fachkräftemangel verzeichnen – es fehlt an geeignetem Nachwuchs. Das ist nicht zuletzt deshalb der Fall, da die duale Berufsausbildung für viele Schulabgänger nicht attraktiv genug erscheint. Das liegt gleich an mehreren Faktoren:

  • Unterdurchschnittliche Bezahlung
  • Hohe Anforderungen und Zertifikatszwang
  • Starre Strukturen

Damit die duale Berufsausbildung für junge Menschen wieder an Attraktivität gewinnt, ist es essenziell, die Lehre auf die junge Zielgruppe und ihre Wünsche und Bedürfnisse auszurichten. Gerade für Jugendliche mit Haupt- und Realschulabschluss sollte die Berufsausbildung wieder zugänglicher gemacht werden.

Dafür ist es zunächst notwendig, dass Unternehmen beginnen, weniger Priorität auf den Schulabschluss, denn auf die Persönlichkeit und die Fähigkeiten eines potenziellen Azubis zu legen. Außerdem ist es wichtig, Studium und Ausbildung nicht in ein konkurrierendes Verhältnis zu setzen, sondern als Ergänzung zueinander zu sehen: Hier ist vor allem die Politik gefragt, daran zu arbeiten, akademische und berufliche Ausbildungen miteinander zu verknüpfen.

Ebenfalls von Vorteil sind spezifische Benefits, von denen Azubis profitieren können: Neben einer leistungsgerechten Entlohnung kommt es auch auf andere Faktoren an: Die Motivation der Auszubildenden hängt auch von flexiblen Arbeitszeitmodellen und Co. ab – kommen Unternehmen potenziellen Azubis entgegen und werden starre Strukturen aufgebrochen, erscheint der Weg der Berufsausbildung für viele junge Menschen wieder attraktiver.

Die Ausbildung muss attraktiver werden: Politisches Engagement gefragt

Ziel vieler Ausbildungsbetriebe ist es, dass die Berufsausbildung von jungen Erwachsenen wieder als echte Alternative zum Studium oder zu einer schulischen Ausbildung wahrgenommen wird. Zahlreiche Firmen beschreiten bereits jetzt neue Wege und kommen potenziellen Auszubildenden entgegen. Das geschieht nicht nur durch die oben genannten flexiblen Arbeitszeiten und ein höheres Lohnniveau, sondern auch durch weitere Maßnahmen:

  • Aktives Azubi-RecruitingWer sucht, der findet. Einige Unternehmen sprechen mittlerweile gezielt fähige Kandidaten an, die aus Betriebspraktika oder Ausbildungsmessen bekannt sind. Diese Wertschätzung eines Unternehmens gegenüber der Schulabgänger erweist sich als praktikabler Weg, fähige Azubis zu finden.
  • Intensive Ausbildungs-Betreuung: Strenge hierarchische Strukturen werden zunehmend aufgebrochen. Stattdessen setzen immer mehr Unternehmen auf eine umfassende Betreuung der Auszubildenden durch motivierte Fachkräfte, sodass sich Azubis im Unternehmen gut aufgehoben fühlen.

Trotz vieler individueller Möglichkeiten, die jeder Ausbildungsbetrieb nach Ermessen umsetzen kann, bedarf es auch einiger politischer Maßnahmen. Nur wenn auch die staatlichen Rahmenbedingungen gegeben sind, erweist sich betriebliches Engagement als fruchtbar.

Berufsausbildung und Studium kombinieren: Erste Erfolge staatlicher Maßnahmen

Die Zusammenführung der betrieblichen Ausbildung und des akademischen Weges wurde bereits durch verschiedene staatliche Maßnahmen vorangetrieben. Seit einigen Jahren gibt es verschiedene Möglichkeiten, um auch ohne Abitur studieren zu können – was wiederum Berufsausbildung und Berufserfahrung aufwertet.

  • Meistertitel: Wer den Meistertitel führt, hat eine Hochschulzugangsberechtigung und kann ein (fachbezogenes) Studium beginnen.
  • Berufserfahrung: Studienplätze werden ebenfalls an Personen vergeben, die kein Abitur vorweisen können, aber bereits tiefgehende Berufserfahrung haben

Solche Sonderregelungen ermöglichen es auch Quereinsteigern, doch noch einen akademischen Weg einzuschlagen. Der Zwang, möglichst früh an die Universität zu gehen, wird durch diesen zweiten Bildungsweg aufgebrochen – was schlussendlich die Ausbildung als eine echte Alternative erscheinen lässt, die für den weiteren Karriereweg qualifiziert und auf Wunsch zusätzliche berufliche Optionen zulässt.

Autor: Redaktion Personalwissen

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