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Arbeitszeiterfassung und Vertrauensarbeitszeit – Das sagt der Europäische Gerichtshof (EuGH)

© Andy Ilmberger – Fotolia
Arbeitszeiterfassung

    Die Zeiten wandeln sich. Mit diesem Wandel dürfen wir uns auf eine Umstrukturierung der Arbeitszeitregelung freuen. Viele Beschäftigte fragen sich: „Wird meine Arbeitszeit angezweifelt?“ „Werden die Stunden, die ich täglich mit Arbeiten verbringe jetzt abgewogen?“ Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hält die Regelung der Arbeitserfassung für alle Unternehmen in jedem EU-Staat für notwendig.

    Die Frage bleibt: Was kommt auf uns Arbeitnehmer im Unternehmen oder im Homeoffice zu? Und was wird aus der Vertrauensarbeitszeit?

    Vertrauensarbeitszeit: Das alte Modell der Arbeitsorganisation

    Was die Erledigung der Arbeit betrifft, genossen Arbeitnehmer bisher im Betrieb und im Homeoffice mehr Freiräume. Im Vordergrund standen die Erfüllung der Aufgaben. Die zeitliche Anwesenheit des Arbeitnehmers war unwesentlich.

    So darf man die Vertrauensgleit- oder Vertrauensarbeitszeit als Form der Arbeitsorganisation und weniger als Form der Arbeitszeit begreifen.

    Vertrauensarbeitszeit bedeutet: der Arbeitnehmer darf die Arbeitszeit in verantwortungsvoller Eigenregie gestalten und erfassen. Zuständig für diesen Bereich ist der Arbeitgeber. Er hält die Hand über sein Team. Folgerichtig muss er Rede und Antwort stehen, wenn ein vereinbarter Arbeitszeitplan misslingt.

    Warum Vertrauensarbeitszeit?

    Mit Einführung der Vertrauensarbeitszeit wurde eine Senkung der Personalkosten angestrebt. Zugleich warf man ein waches Auge auf wichtige Leistungsressourcen wie beispielsweise Eigenverantwortung, Qualifikation sowie unternehmerisches Denken. Sinn und Zweck dieser Gangweise war das zeitnahe Anstreben der Steigerung des Ertrags.

    Das klingt zunächst gut und richtig. Doch wo Sonne ist, ist auch Schatten:

    Der Abbau von Plusstunden wurde in neue Bahnen gelenkt. Überstunden konnten bei der Vertauensarbeitszeit selten angesammelt werden. Kam es dazu, wurde das Mehr kurzfristig abgebaut. Die eingesparte Zeit gehörte dem Unternehmen. Soviel war klar! Wo wenig Arbeit war, wurden Federchen in die Luft geblasen. Lag hingegen viel Arbeit an, wurde die Mehrarbeit lediglich mit einer schmalen Vergütung oder einem minimalen Zeitausgleich belohnt. So jedenfalls sah es die Vertrauensarbeitszeit vor.

    Welches Konzept verfolgt die Vertrauensarbeitszeit?

    Es scheint, als ob das Modell „Vertrauensarbeitszeit“ fern jeden Zeitgefühls schwebt. Insgesamt wiegt der Zeitpunkt bzw. der Zeitraum der Erfüllung der Arbeitsaufgabe mehr, als die Zeit, die es insgesamt dazu brauchte. Wichtig ist am Schluss, dass das Ergebnis stimmt und die Deadline eingehalten wird. Beginn und Zwischenschritte sind weniger von Interesse. Der große Glaube an die Zuverlässigkeit der Mitarbeiter, das schier grenzenlose Vertrauen in die Führungsfähigkeiten der Chefetage sind für die Aufrechterhaltung der Vertrauensarbeitszeit von großer Bedeutung. Sozialkompetenz und die Fähigkeit zum Selbstmanagement der Beschäftigten werden ebenso vorausgesetzt.

    Vertrauensarbeitszeit finden wir vermehrt im wachsenden Dienstleistungssektor wie beispielsweise in der Softwareentwicklung, in der Telekommunikation sowie im Multimedia- Bereich. Sie umfasst eine strikte Zielvereinbarung. In ihr werden besprochene Ziele festgelegt. Dazu gehört ein Zeitfenster. Dieses leistet genaue Vorgaben für die Umsetzung des Projekts.

    Vor- und Nachteile Vertrauensarbeitszeit

    Vorteile:

    • eigenverantwortliche Zeitgestaltung Flexibilität
    • Work-Life-Balance
    • Zeiterfassung und übermäßige Kontrolle entfällt
    • im Mittelpunkt steht die Arbeitsqualität, nicht die Zeit

    Nachteile:

    • Die Gefahr der Selbstausbeutung nimmt zu.
    • Die ständige Erreichbarkeit provoziert Wochenendarbeit.
    • Arbeitnehmer, die früher Feierabend machen, büßen eine festgelegte Kernzeit ein.
    • Die Zeit für wichtige Termine und Meetings fehlt.
    • Wird die Vertrauensarbeitszeit ausgenutzt, kommt es zu Konflikten innerhalb des Betriebes.

    Ade flexible Arbeitszeiten in Deutschland?

    Nicht wirklich! Die Gewerkschaft sieht in dem EuGH-Urteil kein Hindernis. Nichts spräche gegen eine flexible Arbeitseinteilung von zu Hause aus. Eine genaue Erfassung der Arbeitszeit bzw. der Stunden erfolge demnach über Apps und weitere Methoden. Ob man dabei flunkern kann? Wer weiß!

    Was uns blüht: Arbeitszeiterfassung!

    Das Thema „Zeiterfassung“ ist in aller Munde. Es ist unklar, ob das Verfahren die optimale Lösung in sich trägt. Fakt ist: Zeiterfassung ist für Unternehmen aller Art interessant. Die exakte Erfassung der Arbeitszeit ist besonders wichtig bei der Ermittlung von Basisdaten. Für die Entgeltabrechnung und die genaue Zurechnung von projektbezogenen Arbeitszeiten gilt dies ebenso. Experten sehen die Zeiterfassung als gute Stütze im Management. Ob dem so ist, wird sich in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren zeigen.

    Arbeitszeiterfassung, wie alles begann

    Die Wiege der Arbeitszeiterfassung finden wir in  der heutigen Form der Zeitwirtschaft wieder. Sie erst macht es möglich, Arbeitszeiten punktgenau zu erfassen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Anwesenheit und Arbeitszeit, Beginn und Ende des jeweiligen Arbeitstages eines Arbeitnehmers schnell berechnen und analysieren. Früher war für diese komplexen Vorgänge die gute, alte Stechuhr zuständig.

    Die Möglichkeiten der neuen Zeiterfassung sind vielfältig. Sie kann mit Excel, auf elektronischem Weg, per Fingerdruck oder mobil kinderleicht in Gang gesetzt werden.

    Was spricht für die Einführung der Arbeitszeiterfassung?

    • Günstig für den Arbeitgeber: stärkere Kontrollmöglichkeiten
    • Kosten werden eingespart
    • Arbeitszeiten und Überstunden werden automatisch berechnet
    • Die Zurechnung von Arbeitszeiten erfolgt projekt- und tätigkeitsbezogen
    • Die Abteilung Zeitwirtschaft wird durch das neue System entlastet

    Die positiven Aspekte dieser multifunktionellen Methode zeichnen sich in Nachvollziehbarkeit und Transparenz für Arbeitnehmer, für die Personalabteilung sowie für Arbeitgeber gleichermaßen stark ab. Auch gewährt die Arbeitszeiterfassung einen klaren Überblick über Überstunden, Fehltage oder Urlaubstage. Das System der Arbeitszeiterfassung passt sich den spezifischen Wünschen eines Unternehmens sowohl zeitnah als auch flexibel an. Das System darf jederzeit um weitere Funktionen erweitert werden.

    Hinweis: Wie gemacht für Kleinbetriebe (25 bis 40 Mitarbeiter) ist die so genannte „Small Business“- Version des Systems der Zeiterfassung. Die mobile Zeiterfassung via Smartphone spricht eher Unternehmen mit Außendiensttätigkeit an.

    Vor- und Nachteile Arbeitszeiterfassung

    Vorteile:

    • Erfassung jeder einzelnen Überstunde
    • Konkrete Trennung von Privatleben und Arbeit
    • Die Aufgaben der Woche werden am Wochenende nicht mit nach Hause genommen

    Nachteile:

    • Überwachungsempfinden
    • Ein unausgelasteter acht Stunden Arbeitstag wird leicht zum Problem
    • „Gelangweilte“ Mitarbeiter orientieren sich just an der Zeit
    • Die Ergebnisorientierung geht verloren. Dies zeigt sich in minderer Qualität der Arbeit

    Fragen zum Arbeitserfassungssystem

    Etwas Neues zieht gerechtfertigte Fragen nach sich. Wir versuchen, häufig gestellte Fragen im folgenden Text zu beantworten.

    Es ist soweit. Die Zeichen der Zeit läuten das Ende der Vertrauensarbeitszeit ein.  Das EuGH fordert die strikte Erfassung der Arbeitszeit auf allen Ebenen. Was bedeutet das für die moderne Berufswelt?

    Welche Regel hat der EuGH getroffen?

    Das EuGH sagt: Arbeitgeber aller EU-Staaten verpflichten sich, ein zugängliches, verlässliches und objektives System zur Erfassung der Arbeitszeit bereitzustellen. Anlass dazu gab eine Klage in Spanien. Dort blieben etwa 53,7 Prozent aller getätigten Überstunden unnotiert. Wie das neue System zur Erfassung der Arbeitszeit künftig aussehen soll, steht noch in den Sternen. Jedoch werden sich die EU-Staaten demnächst für eine bestimmte Vorgehensweise entscheiden müssen. Spielräume und Optionen auf Ausnahmen bei der Umsetzung des neuen Verfahrens soll es wohl geben. Dies bezieht sich zum Beispiel auf Arbeitsfelder, die sich nur schwer bestimmen lassen.

    Urteil: der Arbeitnehmer im Mittelpunkt des Verfahrens?

    Der EuGH macht sich Sorgen um das Wohlergehen der Arbeitnehmer. Die Gesundheit der Arbeitnehmer dürfe keinesfalls durch Überlastung und Überstunden gefährdet werden. Ruhezeiten seien unbedingt einzuhalten. Jeder Arbeitnehmer habe schließlich ein Grundrecht auf eine Einschränkung der Höchstarbeitszeit.

    Rechtfertigt dies die Einführung des Systems der Arbeitszeiterfassung? Wohl auch!  Der EuGH verweist in seinem Urteil auf die Mehrarbeit, die sich nur mit dem neuen System richtig erfassen ließe.

    Arbeitserfassungssystem: Wer ist davon betroffen?

    Die Gewerkschaft lässt durchblicken, dass etwa jeder fünfte Arbeitnehmer mit dem neuen System Freundschaft schließen muss. Arbeitskräfte mit festem Dienstplan, wie beispielsweise Verkäuferinnen, behalten den Überblick über ihr tägliches Tun besser, als zum Beispiel Mitarbeiter im Außendienst oder Menschen, die im Homeoffice arbeiten. Ähnlich ergeht es Ärzten in Kliniken. Überstunden gehören hier schon fast zum guten Ton.

    Nach welcher Regel arbeitet das Arbeitszeitgesetz?

    Das Arbeitsrecht ist unter Anderem dazu da, eine durch den Gesetzgeber festgestellte Disharmonie, zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wieder ins rechte Gleichgewicht zu bringen. Etwas deutlicher formuliert: der Arbeitnehmer wird durch das Arbeitszeitgesetz vor übermäßigen Stunden der Arbeit und den damit verbundenen gesundheitlichen  Risiken bewahrt. Wen genau spricht diese Regel an? Das Arbeitszeitgesetz bekundet (Paragraf 2 ArbZG), dass sowohl Angestellte und Arbeiter von dieser Regel bzw. von diesem Schutz betroffen sind. Betriebsräte sind von dieser Regel hingegen ausgeschlossen.

    Warum? Ein Betriebsrat bedient ein von sich selbst ausgesuchtes Ehrenamt, in dessen Möglichkeitsrahmen er sich eigenverantwortlich bewegt. Mit Sicherheit ist auch diese Arbeit mit hohem Aufwand und mit vielen Stunden der Arbeit verbunden. Was aber gegenüber den Arbeitern und Angestellten fehlt, ist die Weisungsgebundenheit. Mitglieder des Betriebsrates können ihre Arbeitszeit bzw. die Stunden der anfallenden Arbeit selbst bestimmen und bedürfen somit keines Schutzes.

    Betriebsrat: Ehrenamt und die „Unzumutbarkeits-Regel“

    Betriebsräte haben laut Arbeitszeitgesetz keinen wirklichen Anspruch auf Schutz vor zum Beispiel Überstunden. Dennoch existiert aufgrund eines Gerichtsbeschlusses eine Art Ausnahme-Regel. Laut einer Entscheidung vom 07.06.1989: Eine Arbeitsbefreiung für Betriebräte greift dann, wenn ein Mitglied des Betriebsrates beispielsweise an Betriebsratsversammelungen außerhalb seiner persönlichen Arbeitsstundenzahl teilnimmt. Wer auf der Versammlung ist, dem ist es nicht zuzumuten, die nach der Betriebsratsitzung anfallenden Stunden der Arbeit noch ordnungsgemäß zu erfüllen. Stattdessen hat das Mitglied des Betriebsrates nach Paragraf 37 Abs. 2 BetrVG Recht auf bezahlte Arbeitszeitbefreiung.

    Ohne Vertrauensarbeitszeit: rollt eine Bürokratiewelle auf uns zu?

    Arbeitgeberverbände und Arbeitsrechtsexperten sehen die Zukunft der Arbeitswelt dunkelgrau.  Sie befürchten, dass mit Einführung des neuen Systems abermals Bürokratie gefördert und nicht abgebaut wird. Ein weiterer weher Punkt: das Arbeitserfassungssystem könnte modernen Arbeitsformen im Weg stehen. Aus den Reihen der Arbeitsverbände ist unschwer zu vernehmen, dass sich viele Arbeitgeber gegen eine Wiedereinführung der „Stechuhr“ entscheiden. Dieses System gehöre eindeutig nicht ins moderne 21. Jahrhundert.

    Wann wird das EuGH-Urteil umgesetzt?

    Man schaut nervös auf die Uhr. Wann konfrontiert man die Arbeitswelt mit neuen Tatsachen ? Wie es ausschaut, hat der EuGH keine genaue Frist gesetzt. Deutschland ist aufgerufen, sich an das Urteil zu halten. Widersetzt es sich, könnte die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten.

    Glück oder Pech für deutsche Arbeitnehmer?

    Diese Frage ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu beantworten. Stimmen behaupten, dass der deutsche Arbeitnehmer mit dieser Methode leicht „ins Unrecht“ gedrängt werden kann. Möglicherweise wäre es von Vorteil, eine wöchentliche Höchstarbeitszeit einzuführen. Hier müsse die strikte Einhaltung der elfstündigen Ruhezeit nachhaltig überprüft werden.

    Fazit zur Vertrauensarbeitszeit und Arbeitszeiterfassung

    Was bringt die moderne Arbeitswelt weiter? Was hält ihr Fortkommen auf? Beide Systeme, Vertrauensarbeitszeit sowie Arbeitszeiterfassung, sprechen eine deutliche Sprache. Ob diese alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer verstehen, ist fraglich. Die Zeit wird es richten. Wir bleiben für Sie am Ball!

    Autor: Redaktion Personalwissen

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